Gerhard Gundermann
Gerhard Gundermann
1955 - 1998
Zum letzten Mal hörte ich ihn auf der Burg in Beeskow. Fast hätte das Konzert gar nicht stattgefunden. Es goß in Strömen, der Strom fiel aus. Über den Burghof neigte sich die Dämmerung. Ratlos pendelte der Blick der Musiker zwischen Bühne und Himmel hin und her. Als es beinahe dunkel war, brach der Regen mit einem Schlag ab und wenige Augenblicke später flammten die Lichter wieder auf.
Gerhard Gundermann sang und wir hörten ihm zu, rückten zusammen auf unseren nassen Bänken. Nie habe ich mir zu erklären vermocht, was es eigentlich war, das mir diese Lieder zu Lebensmitteln machte. Die griffigen Floskeln vom "singenden, klingenden Baggerfahrer", über die Gundermann nur allzu gern spottete, gehen ins Leere. Gerhard Gundermann sang und wir hörten ihm zu, rückten zusammen auf unseren nassen Bänken. Nie habe ich mir zu erklären vermocht, was es eigentlich war, das mir diese Lieder zu Lebensmitteln machte. Die griffigen Floskeln vom "singenden, klingenden Baggerfahrer", über die Gundermann nur allzu gern spottete, gehen ins Leere. Wie soll das rechte Bein erklären, was ihm das linke bedeutet? "Das ist doch alles nur Geikel", sagte er mir in einem Interview vor mehr als zehn Jahren. "Was zählt, ist allein das Produkt. Der Mann ist wichtig, wenn er es herstellt, wenn er sein Bild auf der Bühne entwirft. Danach ist er nicht wichtig und vorher auch nicht."
Gundermann im Konzert
So hat er gelebt: viele wichtige Momente, die immer zu tun hatten mit der Suche nach einer lebbaren Gesellschaft. "Utopie schöpfe ich aus der härtesten Reflektion der gegenwärtigen Lage, aus Verantwortung und Liebe", beschrieb er seine Arbeit.
Wie viele kenne ich, deren Visionen daran kranken, daß ihnen just immer eines dieser Elemente fehlt. "Der Endzustand könnte sein: Demokratiefähigkeit dieses Volkes", träumte Gundermann. "Die besteht darin, daß die inneren Antriebe größer sind als die äußeren. Es geht darum, daß die Hemmschwelle zwischen Denken und Machen übersprungen wird. Was ich tue, soll dazu beitragen."
Seinen inneren Antrieben zu folgen, schließt Opportunismus aus. Werden sie stärker, verliert der Außendruck seine Wirkung. Keine Gesellschaft, die damit nicht ihre Schwierigkeiten hätte. Längst hatte Gundermann sein Koordinatensystem gedreht, hießen die Pole nicht mehr "rechts" und "links" für ihn, sondern "oben" und "unten". Da mochte wenden, wer wollte. Der Kompaß, dem Gundermann folgte, war nicht mehr zu täuschen. Er grub sich seinen Zeittunnel durch die Geschichte, hin zu seinesgleichen, mochten sie Carl Schurz heißen oder Heinrich von Kleist.
Die Metaphern seiner Lieder brauchte er nicht mühsam zu konstruieren, er fand sie, wo immer er war. Weil er der Welt nicht gegenübertrat, sondern sich als ein Teil von ihr empfand. Freiheit fängt an mit der Freiheit von Dünkel. Die Gundermanns Lieder lieben, haben das mit ihm gemeinsam erfahren. Sie trauern. Was ihnen jetzt fehlt, ist ein Stück ihrer eigenen Stimme.
Die Johannisnacht war mild in diesem Jahr und sehr hell. Im UfA-Palast rettete eine Handvoll Astronauten die Erde vor einem Monsterkometen. Am Kirchhof erhob sich Sankt Marien mächtig und schön. Die Linden dufteten nur noch ein wenig. Hundert Kilometer weiter, in Spreetal, ist ein Mann gestorben. Eine Woche vorher hatte er noch davon erzählt, wie die Sonne bald in den Zenit rückt und wie auch ein Mann knapp über die 40 weiß, daß es nicht höher geht. Am nächsten Morgen wachten wir ohne ihn auf .
Burghof Beeskow Foto: Henry-Martin Klemt
Kerl wieŽn Baum
Für G.G.
War n kerl wie n baum
Mit ner krone so groß
Mit ner wurzel so tief
So viel erde im schoß
So viel himmel im haar
Alle arme verstrickt
In die winde der welt
Und kein sturm der ihn knickt
War n kerl wie n baum
Wo die vögel drin wohn
Fraß ne raupe sein blatt
Sah er n schmetterling schon
Und kein frost der ihn fällt
Und kein beil das ihn schreckt
Wo der blitz ihn verbrannt
Spielten kinder versteck
War n kerl wie n baum
Der das gift für mich fraß
Daß ich luft gekriegt hab
Wenn ich neben ihm saß
Und hielt ausschau für mich
Nach den andern im wald
Deckt sein schatten mich zu
Wars mir nich mehr so kalt
War n kerl wie n baum
Hat den regen geliebt
Und den schneeweißen schnee
Und das licht im zenit
All die erde im schoß
All den himmel im haar
Und n schmetterling sitzt
Jetzt im gras wo das war
HENRY-MARTIN KLEMT, 1998

