Fernab vom Schneelfrass der Moderne
Shakespeare-Nachdichtungen von Frank Viehweg
Jegliches hat seine Zeit. Die der Sonette William Shakespeares hat vor reichlich vierhundert Jahren begonnen und es ist nicht absehbar, wann sie zu Ende gehen könnte. Zuweilen scheint es, als sei damals alles Wichtige ausgesprochen worden, was sich über Liebe, Tod, menschliche Leidenschaft und Fehlbarkeit sagen ließe. Und als könnte alles Folgende nur Wiederholung sein. Gerade deshalb hat jede Dichter-Generation sich diesen Verse aufs Neue genähert. Nun also Frank Viehweg.
Schon vor einiger Zeit legte der 1960 geborene Liederdichter aus Berlin das erste Bändchen mit 24 Sonetten vor. Die nummerierten Werke hat er nachträglich betitelt und er singt sie in eigenen Kompositionen. „Ich rief dich oft“ ist das Bändchen überschrieben, das neben den Nachdichtungen auch die Originale enthält und einige federleichte Aktskizzen von Martina Kraft. Natürlich darf das 66. Sonett nicht fehlen, das eine Art Scheideprobe für jeden ist, der sich an Shakespeare wagt. Sie ist geglückt, ebenso wie er die anderen Gedichte bedachtsam hindurchführt zwischen den Geistern und Ungeistern einer neuen Epoche, die Autos an die Stelle von Kaleschen setzt, und was bei Kraus noch als Geckenkleid hingeht, ist inzwischen zum Markenhemd mutiert. Ein Riss in der Zeit aber ist nicht zu spüren. Was sind schon 400 Jahre?
Größer scheint der Abstand zum zweiten Doppeldutzend Shakespearscher Werke, das Viehweg nun unter der Titel „Nimm alles was ich liebe“ vorgelegt hat. Die Zeichnungen, diesmal vom Sohn, sind energischer, lassen weniger offen. Der Strich erobert und schließt ab. Der Dichter aber erobert und schließt auf, noch immer. Er gibt zu, dass er sich gegen manchen Vers wehrte, eh er sich seiner annehmen musste. Denn öfter geht es in diesem Büchlein um das Fortgehen für jetzt und das Vergehen für immer, aber auch um Trug und Täuschung und Ertragen. Nicht nur die Melancholie wiegt schwerer. Der Feder eines Dichters dorthin zu folgen, wo er noch in der Selbstverleugnung ein Wissender ist, wissend um sich und um die, deretwillen er sich beugt, das ist mehr als ein Kunst-Stück. Ist so fernab vom Schnellfraß der Moderne, dass selbst, wer sich der Mode widersetzt, seine liebe Not damit hat. Denn er bleibt doch ein Kind des eigenen, bemessenen Moments.
Den Widerstand erspüren, den alle Liebe in sich trägt, ihn fühlbar, hörbar machen, gehört zum Maß der Poesie. Widerstand gegen den Tod und seine Propheten, gegen Hoffnungslosigkeit und Verführungskalkül. Die Wahrheit am Ende: zwei widerstreitende, untrennbar verbundene Zeilen. Wie Schweigen und Singen. Wie Frau und Mann.
Frank Viehweg, „Ich rief dich oft – 24 Sonette nach W. Shakespeare“, ISBN 3-935445-50-4, „Nimm alles was ich liebe – 24 Sonette nach William Shakespeare“, ISBN 3-86557-030-5, beide im Verlag NORA erschienen, je 62 Seiten, Paperback, illustriert










