Gegen alle Kriege und für dich
Frank Viehwegs neues Album „Spurensicherung“
Bei seinen Konzerten erzählt der Liederdichter Frank Viehweg gern die Geschichte, dass León Gieco mit seinem Lied vom Gedächtnis der Völker in Lateinamerika bis an die Spitze der Hitparaden stürmte. „Die Verschwundnen jeder Diktatur / Die Verscharrten, die man nie mehr findet / Unerhörter Reichtum, der sich nur / So auf unerhörte Armut gründet / Alles ist gespeichert im Gedächtnis / Stachel dieses Lebens und Vermächtnis“, singt Gieco, dichtet der Berliner nach. „Karl und Rosa im Berliner EDEN / Alle Helden der Sowjetunion / Ein Ministerpräsident in Schweden / Mexikos Studentenrebellion / Alles ist verankert im Gedächtnis / Waffe dieses Lebens und Vermächtnis“.
Es ist angetan offenbar, dass eine heranwachsende Generation sich darin ihrer eigenen Geschichte versichert. In Lateinamerika. – Hier ist das Lied nicht zu hören, weder im Radio, noch im Fernsehen. So wenig, wie die Gundermänner, Maurenbrecher und Wenzel und was sonst noch als Kleinkunst in die Nische gepresst und gepriesen bleibt. In Deutschland, das so schnell mit dabei ist, wenn es gilt, über andere Völker herzufallen, wenn es gilt, Mordszeug in Krisenregionen zu exportieren, wenn es gilt, die Opfer von NATO-Raketen vor den Schranken höchster Gerichte zu verhöhnen, sind die Spuren, nach denen Viehweg sucht, verwischt, übermalt, übertönt.
Aber unauffindbar sind sie nicht. Die Kunst besteht nur darin, dort mit der Suche anzufangen, wo alle Spuren beginnen und enden: bei sich selbst. Und es genügt nicht, sie zu lesen. Es ist nötig, sie aufzuheben, zu fragen, woher sie kommen und wohin sie führen. „Spurensicherung“ hat Frank Viehweg sein jüngstes Album deshalb genannt, das bei Raumer Records mit Unterstützung von „Die neue Schule“ erschien. Es versammelt 16 zumeist eigene Lieder und knüpft nahtlos an die CDs „Mein Grund“ und „Liebeslieder nachr zwölf“ an. Auch diesmal stehen dem Sänger mit Jürgen Ehle, Daniel Lorenz, Dirk Müller und Matthias Nitsche erstklassige Musiker zur Seite.
Zu sehen, was Angst macht, um die Furcht zu verlieren, kommen solche Lieder zur Welt. Immer wieder ist es der Mut in der Trauer, die ihnen Wege bahnt. Viehwegs Liebende sind in einer Welt unterwegs, die durchflossen wird von Utopien und Rebellionen, und selbst zwischen Rhein und Oder plätschert nicht nur herrschaftliche Agonie. Sie macht Viehweg immer noch und immer mehr Lust, diese Welt zwischen Buenos Aires, Berlin und Rom, wo ein ins Ohr geflüstertes „Mi querida!“ selbst die „Jungs von Al-Quaida“ zum Rückzug bewegen kann.
Inzwischen gehört Viehweg zur Generation der Mittvierziger, die immer am Scheideweg stehen, wo der Faden abreißen kann zu den Jüngeren mit den jüngeren Erfahrungen, wo der Weg ins Abgeklärte zu führen droht, Rückschau oft zur Draufsicht welkt. Auch Viehweg zählt seine Toten, die er mitschleppen muss, fragt sich einen Refrain lang mit Gerhard Gundermann: „Und ich weiß nicht, ob ich noch springen kann bis an eine Kehle“. Aber durchs schüttere Grauhaar sich streichend, verspricht er der Liebsten: „Ich mach alles, was du willst, alles, was ich kann“ und erbietet sich als „Weltschmerzdiagnostizierer, Küsseindiestirngravierer, Schambehaarungsshampoonierer, Märchenweltenkonzipierer“, allemal bereit, beim Wort genommen zu werden. „Komm unter meine Decke aus Hirngespinst und Poesie“, lockt er, wo die „Spinner“ und „sanften Wolkenschieber“ auszusterben drohen. „Noch kann ich dir mit einem Lied die Hoffnung wiedergeben.“ Dabei weiß er doch: „Nein, ich hab nicht mehr als ein paar Worte / Gegen alle Kriege und für dich / und ob ich sie schreibe oder sage / Oder auf den Markt der Eitelkeiten trage / Ändert nicht die Welt und nicht mal mich.“
Viehweg, wenn der letzte Erdentag anbräche, würde wohl kein Apfelbäumchen pflanzen. Aber eine Frau zur Liebe verführen, zur Umarmung, in der zwei sich umfangen, als wären sie alle, das würde er sich nicht nehmen lassen. Auch dann nicht, wenn diese Liebe nur eine Zugfahrt währte, eine Nacht lang, ein Leben.
Frank Viehweg, Spurensicherung, Raumer Records, Bestellnumer RR16706, 15 Euro








