Liebeslieder nach zwölf
Wo zwei fast alles können und einer beinahe nichts
Es ist Kitsch, die Liebe zu trennen von der Welt, in der sie sich erfüllt oder scheitert. Es ist Liebeskitsch oder politischer Kitsch. Er erwächst aus der Schizophrenie, in der zu existieren vielen Menschen leichter fällt, als bei sich selbst und eins zu sein. Und Kitsch bedient Schizophrenie. Deshalb verkauft er sich. Aber das heißt auch: Es ist eine Kunst, den Menschen als Ganzes zu fassen, bei sich selbst zu bleiben in der Welt, wo zwei fast alles können und einer beinahe nichts. Es ist Frank Viehwegs künstlerisches Programm seit einem Vierteljahrhundert.
Alles, was wichtig ist, beginnt zwischen Liebenden, und manchmal endet es dort. Schon Shakespeares Sonette, von denen Viehweg etliche übersetzt und in zwei Büchlein veröffentlicht hat, sprechen davon, und was darüber zu erzählen ist, wird noch immer zu Lied und Gedicht in der großen Familie, der Viehweg länger angehört, als er sie kennt. Wo immer er sie kennenlernte, hat er sie nicht nur sich selbst vertraut gemacht, sondern sie mit herausragenden Nachdichtungen auch seinem Publikum vorgestellt: Silvio Rodriguez, Leon Gieco, Juri Schewtschuk, Jaromir Nohavica und viele andere. Ihre Poesie der Befreiung wirkte auf Viehwegs eigene Dichtung zurück. Seine Nachdichtungen verliehen ihren Liedern etwas von Viehwegs besonderem Ton. Jedes Lied, das Ort und Sprache auf diese Weise tauscht, wird zur Grenzüberschreitung.
»An alle. An dich – Liebeslieder nach zwölf« hat Frank Viehweg sein Konzertprogramm überschrieben und damit die Titel gleich zweier seiner Lieder-Bücher zitiert. Der tapfere Trotz und die hoffnungsvolle Anmaßung sprengen die Buchdeckel und halten sich nicht an Erscheinungsjahre. Sie wirken fort und wandeln und ergänzen sich. Mancher fremde Gesang wird zum Echo des eigenen, bringt etwas zurück, das vorher gar nicht da zu sein schien. Vielleicht ist das die Art, »noch zu werden, wer wir waren«, wie Viehweg hofft. Seine Liebenden »bargen den Rai aus blutigen Scherben«, wo Ausländer zu Tode gehetzt werden, sie machen sich kenntlich, wollen einander Land sein, um landen zu können, und wissen dabei um die eigene Schwäche: »Nein, ich hab nicht mehr als ein paar Töne / gegen alle Kriege und für dich / und ob ich sie pfeife oder singe / oder auf den Markt der Eitelkeiten bringe, / ändert nicht die Welt und nicht mal mich.«
Das ist so lakonisch gemeint, wie gesungen. Als es kokett hätte sein können, hatte Viehweg anderes im Kopf. Immerhin hat sein Pfeifen und Singen ihn durchaus geändert. Spätestens, als in seinem Soldatenspind ein paar eigene Texte auftauchten, die bei der Nationalen Volksarmee einige Vorgesetzte hysterisch werden ließen. Viehweg flog aus der SED, aus der FDJ und – zum Glück – auch aus der Armee. Der Weg zum Studium war verbaut. Der 1960 geborene Norddeutsche ging nach Berlin und sortierte Bücher im Magazin der Stadtbibliothek. Das machte ihn weder dümmer noch klüger, aber neugieriger. Über das Opfer Viehweg gibt es kein Lied. Aber es gibt Lieder über ein Zuhause, das gerade dort schmerzt, wo man nicht mehr ankommen kann, über verratene Revolutionen, ausgeschöpften Mut – und über die Lust, die zum anderen treibt. Aus der Partei, die Viehweg ergreift, kann keiner rausgeschmissen werden.
Seit Mitte der achtziger Jahre schlägt Viehweg sich als Liederdichter durch, mit einer Gitarre, die auch dann in den Kofferraum paßt, wenn kein Konzert im Kalender steht, und die er spielt, wie sie ihm in die Hand gewachsen scheint, auf wundersame Art unmodern und seiner Zeit voraus – im Land der Turbo-Agonie. Freunde unterstützten ihn bei der Produktion von mittlerweile acht Büchern und vier CDs (die fünfte erscheint im Frühjahr 2009). Solidarität beschreibt den Vorgang treffender als Mäzenatentum. Und selbstverständlich, wie die großen, einfachen Dinge es sind, wie das Umblättern einer Seite, wie das Aufschneiden einer Frucht, wird bei alldem, daß niemand allein sein muß, wenn er kämpft, wenn er liebt, wenn er traurig ist oder beglückt. Wenn ich Frank Viehwegs Lieder höre, bin ich nicht geheilt. Aber bei Sinnen.

