Verschwunden ohne Spur - Lieder nach Jurij Schewts
Vorwort für ein Buch
Nachdem Frank Viehweg in den vergangenen Jahren mit Nachdichtungen von Liedpoeten aus zahlreichen Ländern – Shakespeare inklusive – brillierte, hat er sich Jurij Schewtschuk zugewandt. Das Schneeballsystem funktioniert. Wer mit siebzehn Jahren Okudjawa entdeckte und mit zwanzig Wyssozki, der kommt an der heute berühmtesten Rockband Russlands nicht vorbei. Schewtschuk ist Gründer, Leadsänger und Texter von DDT, die das musikalische Spektrum von Independent-Punk bis Krautrock abdecken und dabei nicht nur eine eigene künstlerische Tradition fortschreiben, sondern diese Tradition um die Erfahrung der Diskontinuität zwischen durchaus kompatiblen Systemen bereichern.
Die siebente Saite der Gitarre ist der russischen Seele entsprungen. Der Verstärker wurde im Westen gekauft, irgendwo Backstage, während vorn vermutlich Bruce Springsteen stampfte. Der fleht im Rollenlied eines GIs seine Mama an, bloß nicht das Licht zu löschen, während Schewtschuk bittet: Mama, weck mich auf vor der schwarzen Nacht. Das ist kein Zufall. Über Dezennien und Kontinente hinweg wächst zusammen, was zusammen gehört werden wird.
Die Fortsetzung des Krieges mit anderen Herrschern und auf anderen Schauplätzen, ist eine Klammer dabei. Denn diese Internationale der Hass- und Heilsverweigerer ist keineswegs nur ein von Hoffnung und Affinität getragenes Bündnis, sondern auch ein zwangsläufiges: die Verbindung, die ein Durchschusskanal schafft, die Verbindung der blutenden Wunde, der Angst vor dem Dunkel, durch das die Armee der Leichen marschiert.
Den eigenen Tod eher in Kauf nehmen als den fremden, wenn die Waffen brüllen, ist ein Gedanke, der sich durch Schewtschuks jüngere Werke zieht. Die eigene Liebe wird nicht dadurch glaubhafter, dass man für sie stirbt, sondern dadurch, dass man für sie lebt. Vielleicht kann einer sich so dem Vergessen entreißen, der Spurlosigkeit. Die Niederlage ist vorläufig. die Provokation, die in ihr liegt, ist von Dauer.
Viehweg lauscht ihr nach und haucht den Texten seines Wahlverwandten den Ton ein, mit dem er sich kenntlich macht im Eigenen wie im Fremden. Zugleich trägt er die poetische Welt Schewtschuks weiter, seine grimmige Ironie, sein lakonisches Unbehaustsein.
Henry-Martin Klemt
Frankfurt im Spätsommer 2007
