Jens Gerlach
Steh nicht rum da draussen
Eines der letzten Bilder zeigt ihn auf einer Mole an der Nordsee, mit zausem Grauhaar, Jeans, Joppe und der unentbehrlichen Tabakspfeife. Zurückgekehrt in seine Heimat, denn das ist Hamburg ihm immer geblieben. Und also das Heimweh auch, nachdem er sein Vaterland in der DDR gefunden hatte, vom ersten Augenblick an bereit es zu lieben, und in den letzten Jahren immer klarer erkennend, daß auf Gegenliebe nicht zu hoffen war. Dieses Heimweh, diese unerwiederte Liebe sind der harte, bittere Kern seiner Dichtung geworden. Mit beidem wurde er niemals fertig. Zuweilen bedurfte es einer wütenden Ironie, bleibend zu Überleben. Gedichte mußte man ihm entreiáen, um sie in die Druckerei zu bekommen. Der brechtsche "Zöllner" war allemal nötig, und meistens war er eine Frau. So auch der zweite Kreis seines Werkes: Liebe und Tod. Das eine wie das andere paßte nicht ins kulturpolitische Konzept des "entwickelten Sozialismus", sowenig wie ein mit Strafbataillonserfahrung gerüsteter, durch und durch pazifistischer intellektueller Kommunist ins Konzept der "herrschenden Partei der Arbeiterklasse". Von vielerlei Krankheit ans Bett gefesselt, blieb zuletzt nur der "Flatterhohn" der beiden Kanaris in seinem Zimmer. Unveröffentlicht die letzten Bände bis heute. Wer sie trotzdem zur Hand nehmen durfte, stieß auf Verse, die es nicht eilig haben, auf dem "Markt der Lügen" feilgeboten zu werden. Sie werden noch da sein, wenn gefragt wird nach den finsteren Zeiten und der Art der Finsternisse. Dies zum dritten: Er blieb ein Schüler Brechts. Einer, der balladeske Porträts schuf über die Begrabenen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, über JazzsängerInnen, der ein Oratorium schrieb auf die verfolgte und gemeuchelte Judenheit. Der aber auch sofort begriff, welcher soziale Impuls in den siebziger Jahren von der Rockmusik ausging, und deshalb selbst half, Bands ins Leben zu stoßen, die etwas zu sagen hatten. Der für die Rocker über die ewigen Dinge schrieb und sich für ein Schnadahüpferl nicht zu schade war. Wenn ich ihn in seinem Reihenhaus besuchte, in einer stillen Nebenstraße des abgasverpesteten Adlergestells in Berlin gelegen, öffnete er die Tür, in der linken Hand die kalte Tabakspfeife. Angetan mit einem Seemannspullover und um die Beine schlotternden Jeans, musterte er mich, bei den Schuhen beginnend und verharrend auf meinem Gesicht:"Mensch, steh nicht rum da draußen, komm rein." So wie ich ihn kannte, ist er unter die Erde gekommen. Pullover, Jeans, Pfeife. Ein junger evangelischer Pfarrer stand auf dem kleinen Friedhof am Schwielochsee, in Petzow. Von den blechkarossenbewehrten Fontanejüngern wird niemand den deutschen Dichter Jens Gerlach dort belästigen, denke ich. Aber wenn der Rhododendron blüht, lohnt es dorthin zu gehen. Auf ein Wort, was ja nicht wenig ist.
Jens Gerlach
Jens Gerlach - Mann ohne Land
Dieser Beitrag entstand 1994 anläßlich des II. Uckermärkischen Literatursymposiums in Angermünde unter dem Motto "DDR-Literatur - Angekommen in Deutschland!?" Wenn sich manche Ereignisse, an die erinnert wird, nur als Vorspiel für andere erwiesen haben und sich gewiß durch neuere ersetzen ließen, haben sie doch ihre Aktualität kaum verloren. Vielleicht geht dieser Text hin als ein Indiz dafür, daß auch Begriffe wie Heimat und Vaterland in einen emanzipatorischen Kontext gehören.
"Mein Zimmer ist meine Heimat, alles andere ist schon fragwürdiger. Also, dieses Haus ist meine Heimat. Ich mag diesen Dammweg hier, ich mag meine Nachbarn. Ich bin hier zu Hause, richtig zu Hause",
sagte er in seinem letzten Interview. Mein todkranker Dichter-Freund Jens Gerlach war, als er 1990 starb, ein Mann ohne Land. Ich, der zurückblieb, war es auch... Und sehr heutig erschien mir Gerlachs Gedicht "mein Vaterland II", das ich in dem Band "Spiegelbild" (Aufbau Verlag 1983) las.
Gerlach wurde am 30. Januar 1926 in Hamburg als Sohn eines Angestellten geboren, der dem Ideal hanseatisch-patrizischer Kaufleute nacheiferte und der es schaffte, von Altona bis Blankeneese aufzusteigen. Damit waren erste soziale Entfremdungs-Erfahrungen für den späteren Schriftsteller vorgezeichnet. "Geh weg, du stinkst nach Fisch", hörte er am Gymnasium. Das trieb ihn aus dem Unterricht. Er wurde zurückkommandiert, verweigerte sich, faßte Fuß bei Radwanderungen und Geländespielen des Jungvolks, erlebte in der Hitlerjugend Drill und Schikanen, flüchtete in den Krieg. Nach einer Verwundung 1944 entschloß er sich zu desertieren, wurde aufgegriffen, landete in einer "Bewährungseinheit", die Minen räumt. Das heißt, daß die Soldaten über möglicherweise vermintes Gelände gejagt wurden. Ging einer hoch, war die Sachlage klar. Nach amerikanischer Gefangenschaft, wieder in Hamburg, schuftete Gerlach neben seiner Kaufmannslehre am Entladekai und trat gemeinsam mit seinem Vater in einem verräucherten Hinterzimmer der "Internationale der Kriegsdienstverweigerer" bei. Die Mitgliedsnummer 97 findet sich immer wieder in seinen Lebensläufen und Korrespondenzen, wie eine Formel gegen das tief eingebrannte Gefühl von Schuld.
Mitunter erschien sie mir wie eine Beschwörung, ein überdauerndes heidnisches Ritual, etwas Irrationales angesichts der verstrichenen Jahre und des Umstandes, daß die Verlorenheit des kleinen Haufens Gerlach schon nach kurzer Frist selbst kein Mittel mehr schien, der Gefahr wirksam entgegentreten zu können. Aber die Formel stand für nötige Lebenskorrektur. Und sie stand, denke ich, gegen andere Beschwörungsformeln, wie die von Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der vor gar nicht langer Zeit und zur Freude seiner Generalität ausrief: "Wir alle sind die Bundeswehr". Gerlach nicht. Ich nicht.Daß ich am 19. März 1990 meine Hundemarke zum Wehrbezirkskommando trug, hatte vielleicht auch zu tun mit der Nummer 97.
"Wollen Sie ausreisen", fragte der Diensthabende. "Eben nicht." Kopfschüttelnd wurde mir die Grabbeigabe abgenommen. Freunde, denen ich davon berichtete und die es mir nachzutun suchten, hatten weniger Glück. Der Überraschungseffekt war dahin. Die Diensthabenden hatten sich wohl schon der Zukunft zugewandt und die war inzwischen über alles in der Welt. Ich jedenfalls würde mir, soviel war klar, für das Gekommene keine Knarre in die Hand drücken lassen und für das Vergangene nach keiner greifen. Mit einer sonderbaren Heiterkeit konnte ich zum ersten Mal denken, daß es den Häusern gleich ist, wer in ihnen wohnt, daß die Bäume nicht fragen, wer in ihrem Schatten sitzt, der Fluß sich von jedermann durchschwimmen läßt und nur jenem zur Grenze wird, der eine Grenze darin sehen will. Und daß ich fortgehen kann. Das war angenehm, ohne mich dankbar zu stimmen. Denn das Land ist so, daß man fortgehn können muß. Das hat es mit dem vorigen gemein...
Als Gerlach 1953 aus seiner Hamburger Heimat in sein selbstgewähltes Vaterland übersiedelte, wußte er wahrscheinlich nicht, daß dieser Schritt ihn zerreißen würde in dauerndem tiefen Heimweh, dem er mit zuweilen missionarischem Eifer zu widerstehen trachtete... Solange ein Mensch sich selbst in Bewegung befindet, ist es schwer für ihn, die allmähliche Erstarrung um sich her wahrzunehmen. Nur im Atemholen tritt sie ihm plötzlich entgegen als eine Wand aus Unmut und Schweigen. Die Versuche sich mitzuteilen, andere zu bewegen, werden clownsk. Das Zentrum erweist sich als äußerste Peripherie...
"Realität, der zur George-Orwell-Utopie nichts fehlt als die technische Perfektion und der eminente Wille zur Barbarei - oder...die Genialität und die Ehrlichkeit." So sah es Gerlach, als Honecker in Ulbrichts Fußtapfen trat.
"Man ist nichts, nicht einmal man selbst: böse und dumm relativieren sich bis zur Unkenntlichkeit, die Welt ist bis zur Göttlichkeit riesig (und entsprechend un-heimlich) und zugleich zwergig- nebensächlich... Dabei verwandeln sich Absurditäten zu Wirklichkeiten: die Malediven liegen dem Bewohner der Köpenicker Landstraße viel näher als etwa die knapp zehn Kilometer Luftlinie entfernte Lehrter Straße, die Gesten und Worte eines kongolesischen Buschhäuptlings werden eher verstanden als die des einige Kilometer entfernt lebenden Bruders - und doch ist natürlich auch der Kongo, sind die Malediven sagenhaft weit. Aber es kommt noch schlimmer: der Kreis verengt sich ständig, in absehbarer Zeit wird für das Individuum, lebend in Cottbus, schon das Land Sachsen zu einem unbekannten Kontinent, die weißen Flecken breiten sich aus, statt zu verschwinden, inmitten der aufschießenden kollektivierenden Wohnmaschinen bilden sich abgeschlossene Zellen, jede Wohnung wird zum castle, irgendwann bald vielleicht auch innerhalb der Wohnungen noch jedes Zimmer und innerhalb des Zimmers jede Ecke - Konsequenz: irgendwann bleibt vielleicht allein das dumpf arbeitende Gehirn, dem vor allen anderen Körperteilen graut..."
Wer soufflierte Gerlach, als er das schrieb in den 70er Jahren? Die Krankheit, der nahende Tod, der faulende Realsozialismus oder einfach nur die Historie - des oktroyierten Geschichtsoptimismus´ entkleidet?
"Ideologien wandern, unaufhörlich mutierend, aus, verlassen den sogenannten Parnass und verschwinden in den Knetwerken der jeweils herrschenden Macht, dort werden sie weiter versimpelt und passieren dann, in lockenden Verpackungen, die Teststrecke, um schließlich wie Limonade auf die Massen niederzurieseln - ein Regen, der verdammt giftige Saaten aufschießen läßt."
Die Wohnungen von Angehörigen nationaler Minderheiten in Deutschland brennen und landesweit werden solche Taten gefeiert, werden, wie die Solinger Brandnacht, mit Bier und Schnaps begossen und mit "Tod den Türken" besungen. Nicht nur von glatzköpfigen Jugendlichen, sondern von ehrbaren Steuerzahlern in den besten Jahren. Ich hab´s gesehen und mich verdrückt, wie die anderen sechshundert Camper am Helenesee bei Frankfurt (Oder) auch. Das Areal ist groß genug, sich zurückzuziehen. Bloß das Land ist zu klein dafür.
Da bedarf es einer großen Offensive, dachte sich auch die Polizei, als sie am Newrozfest demonstrierende Kurden von der blockierten Autobahn prügelte, während in Kurdistan russische Panzer aus NVA-Beständen die Drecksarbeit besorgten.
Und der Bundesgerichtshof setzt auf die Toleranz der Bürger und ihr demokratisch geschultes Differenzierungsvermögen zwischen der "einfachen" Auschwitzlüge und der "qualifizierten".
"Nein, wir alle sind nicht wirklich angekommen, wir haben uns zu Tode geschuftet, gelebt und geliebt für diese Ankunft, aber wirklich angekommen sind wir nie (bestenfalls irgendwo untergekrochen)",
schrieb Gerlach der Literaturwissenschaftlerin Ursula Heukenkamp drei Jahre vor dem Beitritt.
"Wir alle sterben auf dem Wege und bleiben liegen am Straßenrand. Oder anders: Wir haben Ufer erahnt, vielleicht sogar von sehr fern und also undeutlich gesehen - betreten haben wir sie nicht."
Wenig mehr als ein Jahr verging, die DDR erlebte ihren vorletzten Frühling, als Gerlach die Grenze des Tabus überschritt, das er sich selbst errichtet hatte aus Scham "wegen einer schrecklichen Jugendtorheit". Da er seine künstlerische, politische und private Existenz nie voneinander zu lösen vermochte, traf die damit verbundene Konsequenz zuerst seinen Verleger Elmar Faber:
"Mein Jahrzehnte währender, leidenschaftlich liebender ,Patriotismus` hat sich inzwischen buchstäblich in nichts aufgelöst; ich vermag mich (selbst beim besten Willen) nicht mehr als einen DDR-Schriftsteller zu erkennen, ja, selbst die Bezeicnung ,deutscher Schriftsteller` trifft im Grunde nicht zu - ich bin (notgedrungen und widerwillig) allenfalls ein deutschsprachiger Literat, der in der DDR ansässig ist."
"Er wollte dieses utopisch-kommunistische Ideal des sozialen Ausgleichs in der Gesellschaft, den Gegensatz zur Geldgesellschaft, zur Wolfsgesellschaft, die er gehaßt hat aus tiefster Seele. Die, aus der er gekommen ist...", sagt seine Frau.
1990 hatten wir unsere Wohnung zum Arbeitsquartier im Wahlkampf umfunktioniert, uns ins gleißende Gerangel um die Macht geworfen, das schon entschieden war, als sich die Runden Tische noch über christdemokratische Abwesenheiten wunderten. Und am 3. Oktober wuchteten wir unseren Kleiderschrank ins Arbeitszimmer, während bei DT64 die eine Hymne in die andere überging und die Sprecherin sagte: "Das war´s dann. Vergeßt nicht, wo ihr hergekommen seid", bevor Sandows "Born in the GDR" aus den Lautsprechern donnerte.
Für eine überschaubare Frist schien der vermeintliche Bruch alle Kontinuen aufzuwiegen. Aber der Abgrund hörte auf ein Abgrund zu sein, als, wie schon im zurückliegenden Jahrzehnt, die äußere Schale, nun die zweite, tiefere Schicht eingrenzenden, tabuisierenden Denkens zu bröckeln begann. Das notwendig falsche Bewußtsein, die Ideologie, nach deren Maßgabe sich über eine Lebenszeit die Erde neu machen läßt. Wie schnell das Herz schlägt, wie der Puls rast, der Atem flattert vor Behendigkeit. Das lustvolle Beginnen verzerrt sich in Anspannung, Verbiesterung, Gewalt. Dickblütige Hure Geschichte, die Träumern und Propheten beiliegt - und immer nur für einen Augenblick. Fahr ans Meer. Umfasse einen dreihundertjährigen Baum. Alle Dinge haben ihren eigenen Rhythmus. Du zwingst ihnen deinen nicht auf. Auch nicht, wenn du nun wieder schnell vor gut, breit vor tief, neu vor wesentlich gelten läßt.
"Wenn du wüßtest, wie ich mich darauf freue, wieder einen langen Spaziergang zu machen, von St. Pauli herunter am Elbtunnel vorbei zum Fischmarkt in und die Breite Straße hinauf, die Pailmaille zum Altonaer Hauptbahnhof. Ach, das wird schön. Und der Jungfernstieg, die abendliche Alster. Du kannst dir vielleicht nicht vorstellen, wieviel das alles für mich bedeutet, aber gerade in letzter Zeit wieder spüre ich, wie tief und fest ich mit alldem verwurzelt bin. Vielleicht hätte ich nie fortgehen sollen. Ich will damit nicht sagen, daß es mir leid tut, daß ich nicht dem Staat hier dankbar wäre. Ich bin nur letztlich ein Fremder hier, ich fühle mich nicht wirklich zu Haus und werde mich wohl auch nie hier ganz heimisch fühlen. Es ist eben doch nur eine Art Asyl."
1959 hatte Gerlach so geträumt und dann immer wieder...Bis die Mauer fiel. Im September 1990 nahm ihn sein Freund noch einmal mit auf die Werft. Es gibt Bilder davon, auf der Mole, vor dem roten Backsteinhäuschen, im niedrigen Zimmer am gedeckte Tisch. Rauchend. In sich ruhend. Lächelnd.
"Ja, dat is min!"
notiert er in seinem Tagebuch.
"Und immer wieder: dieses Land, diese Landschaft, die mir antwortet auf die nie gestellte Frage: Was bin ich? Und da möchte ich mich am liebsten platt wie ´ne Flunder auf diese schwere, bittere und verlockend duftende Erde legen und ganz Teil von ihr sein. Diese Landschaft ist meine, ganz und gar, ohne fragenden, fragwürdigen Rest. Besser: nicht sie ist mein, sondern ich gehör ihr, möchte sein wie sie und bin es wohl auch in meinen besten Momenten: eine ungeheure Kraft, die unauffällig ist und sein will, karg, streng und von jener barschen Mütterlichkeit, hinter der sich eine im Grunde zarte, leicht verletzliche Liebe verbirgt."
In den folgenden beiden Monaten schreibt Gerlach an einigen Dutzend Gedichten. Aber der Abschied liegt hinter ihm. Eines Abends sagt er, schon in der Klinik, zu seiner Krankenschwester:
"Jetzt sterbe ich."
