Die Kettensäge rattert im Sonnenblumenfeld
Gibt es noch Balladen? Lyrische Traktate, die nicht nur unter Künstlern kreisen? Heimatgedichte? Germanistenkollegen krausen sich die Nackenhaare schon bei der Erwähnung derartiger Relikte. Aber ein Lesepublikum, unversehens mit genau solchen Hervorbringungen konfrontiert, schlägt sich lachend auf die Schenkel und gibt Szenenapplaus. Dabei ist Frankfurts Kulturkneipe „Gleis 1“ kein Commedy-Club und Maik Altenburg – zum Glück – kein Vertreter der neudeutschen Analblödelei. Den gesetzten Herrn gibt er allerdings auch nicht. Ihn sich in seinem eigentlichen Amt eines Betriebsrates vorzustellen, der bei Tarifverhandlungen Kompromisse schwitzt, bedarf es einiger Phantasie. Damit ist Altenburg reich gesegnet. In Verbindung mit Menschenkenntnis gerät sie ihm zu einer fröhlich brodelnden Verbindung, die Altenburg den Wilhelm-Busch-Preis eintrug und eine Auszeichnung durch die Zeitschrift Allegra. Der Frankfurter lässt den gehörnten „Bauer Lindemann“ in einer schröcklichen Moritat zur Kettensäge greifen, spürt den finsteren Absichten eines ehemüden Unternehmers nach und entdeckt den Sommer für sich, den allzeit klebrigen. Er wandert durch die Jahreszeiten, angerührt und mit wachsamer Ironie, auch sich selbst gegenüber. Er redet von dem, was er ernst nimmt, weil er es liebt. Manchmal knallt eine Pointe wie der Sektkorken von einer kräftig geschüttelten Flasche. Manchmal merkt man die Hintertür erst, wenn Altenburg mit ihr ins Haus gefallen ist. Dieser Blick auf Dinge und Leute, uns Zuhörer also, macht Lust auf mehr. Altenburg hat sie zu stillen versucht, vorerst mit einem kleinen Bändchen „Frankfurt, du“, gar nicht teuer und beim Dichter zu haben. Nächstes Mal.
2003