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Eva Schönewerk

Schön ist das Leben

Schön ist das Leben. Wie eine Platane, die immer Igelfrüchte für mich tragen wird, so wie in Evas Gedicht. Und die mir das Leben selbst geworden ist, wie es stückweis seine Haut abwirft, um nie ganz nackt zu sein, niemals zu verschwinden. Schön ist das Leben wie eine Sonnenblume, wie sie felderweit wächst, wo Eva geboren wurde, der Krieg war gerade vorbei. Kranichfeld hieß der Ort ihrer Kindheit. Ein Name wie ein Gedicht. Eine Zuflucht. Ausgebrannt war die Wohnung in Leipzig. Mutter Henriette brachte das Mädchen durch, die großen Brüder, Peter und Wolfgang, dazu. Als der Vater aus der Gefangenschaft kam, bauten sie ein Häuschen. Der Staat gab Kredit. Die Arbeit der eigenen Hände war nicht zu ersetzen. So ist es immer, lernte das Mädchen unter dem Dach. Wenn sie aufschaute von ihren Büchern, war Mohrle bei ihr. Wer sagt denn, das nur Katzen Mohrle heißen dürfen, knurrte der Hund. Wer sagt denn, dass die Welt so bleiben muss, dachte das Mädchen, das mit Erde, Meer und Himmel sprach. Später schrieb sie davon, und Mutter Henriette fuhr zum Zirkel schreibender Arbeiter nach Weimar mit ihr.

Wie eine Sonnenblume ist das Leben. Eva brachte sie mit zum Trost. Wir saßen in einer Halle wie dieser. Wie gern hätte Vera sich heute bei ihr mit einer Sonnenblume bedankt. Verzeih, lieber Klaus-Dieter, verzeiht alle, die ihr heute gekommen seid, um Abschied zu nehmen, wenn ich von Eurer Eva nicht sprechen kann. Ich muss von meiner Eva erzählen und von dem Erschrecken, als ich nach Fotos von ihr suchte. Von denen, die immer für andere da waren, die sich selber nie in den Mittelpunkt rückten, gibt es nicht viele Fotos. Ein paar, kaum dass ich es wusste, hat mein Gedächtnis gemacht.

Das erste ist 37 Jahre alt. Eine blonde Frau steht in der Aula der Pestalozzi-Oberschule in Berlin. Schüler verkaufen Club-Cola und selbstgeschmierte Brötchen. Auf der Bühne stehen Jungs aus der Zehnten und machen Disko. Die Deutsch-Lehrerin hat ein unerhörtes Versprechen gegeben: Wenn ihr aufräumen helft, geb ich ein Glas Sekt aus zum Schluss. Aber unerhört ist ja die ganze Szenerie: 1972 gibt es noch keine Jugendclubs in der Deutschen Demokratischen Republik. Und die Beats, die durch die Aula wummern, und die Schmuseballaden im Halbdunkel, sind eine sehr freizügige Interpretation der Beschlüsse, die das Zentralkomitee gefasst hat. Alles in der Kultur ist erlaubt, was nicht gegen den Sozialismus ist. Disko ist nicht gegen den Sozialismus, erklärt die junge Genossin im Lehrerkollegium. Am Ende wischt sie in der Jungstoilette. Die Kerle haben heimlich Schnaps mitgebracht und nicht gut vertragen. Aber es ist nicht die letzte Party gewesen.

Worauf Bildungsbürokraten heute so stolz sind, das hatte Eva längst eingeführt. Lebenskunde und Ethik: Gibt es einen Unterschied, ob ich ein Moped klaue oder nur einen Mercedesstern? Was hat es auf sich mit dem englischen Sprichwort: „Der ist nicht mein Freund, der mir nicht die Wahrheit sagt?“ Wenn die Deutsch-Stunde mit der Bemerkung begann: „Heute gibt es keine Zensuren“, wussten wir, es wird spannend. Wie selten Eva ein Urteil fällte und wie sie noch im Urteil Wege offen ließ. Das war uns neu: dass ein Erwachsener Lust empfand, unser Leben gemeinsam mit uns zu erforschen, nicht das Entdeckte lehrte, sondern das Entdecken. Eva war eine Entdeckerin.

Bücher und Bilder, Verszeilen, Gesichter, Kunst und Gekritzel, Gedanken, Ideen, Stunden im Wein, Minuten im Schweigen. Eva entdeckte, was seine Form noch gar nicht gefunden hatte, ein Vergnügen war es ihr: das Unfertige, das in viele Richtungen drängt, immer wieder die Liebe, immer wieder die Kinder, die groß gewordenen auch. Sie entdeckte, wie leichtfertig Menschen oft wegschauen, weil sie glauben, dass nichts zu entdecken sei. Als wäre das nicht genug – und es ist nicht genug – war Entdecken ihr nichts ohne Behüten, Bewahren. Die Regale füllten sich, die Schubladen, die Mappen, mit Wundern. Sie konnte ein einziges Blatt aus einem Stapel ziehn wie einen Zauberspiegel: Das bist du, das ist schön. Vertrau deiner Reise und denen, die etwas bewahren von dir.

Meine ersten Gedichte nahm Eva an wie ein Geschenk. So fühlte ich mich verstanden, noch bevor sie sie las. Auch ihre Einladung, bevor ich die Schule verließ, war ein Geschenk. Mein Mann hat einen Zirkel, bei uns zu Haus. Komm doch mal, wenn du willst… So habe ich meine poetischen Eltern gefunden.

Die alten Privilegien müssen gebrochen werden, wenn das Leben menschlich werden soll. Das Privileg des Besitzes. Das Privileg der Bildung. Die Tyrannei des Mannes über die Frau. Deine Seele gehört dir. Dein Körper gehört dir. Niemand hat ein Recht zu bestimmen, was du denken darfst. Ich habe mit Erde, Meer und Himmel gesprochen. Sie sind so wenig verkäuflich wie du oder ich. In der Deutschen Demokratischen Republik, als sie selber noch jung war, war das eine Erfahrung. Als Eva Camilla Obst zum ersten Mal an die Erweiterte Oberschule in Bad Berka fuhr, ausgerechnet das Mädchen aus der Familie, war es eine Erfahrung fürs Leben. Die Deutschlehrerin Bärbel Albrecht wurde zur Freundin für immer. Die Liebe fürs Leben fand Eva beim Zirkel schreibender Studenten in Jena, der von Klaus-Dieter Schönewerk geleitet wurde. Er studierte Germanistik, sie wurde Diplom-Pädagogin und für zwei Jahre nach Kölleda verpflichtet. Am 1. August 1970 schlossen Eva und Klaus-Dieter dort den Bund fürs Leben. Eva folgte ihrem Mann nach Berlin. Die Wohnung in der Straße der Pariser Commune wurde ihr Zuhaus. Ein gastlicher Ort, wo wir, bis zu Tränen manchmal, um Gedichte und Geschichten stritten, Wacholderschnaps tranken, Ehen kitteten, Liebschaften nachtrauerten und Brechts „Seeräuberballade“ sangen. KDchen war Sturm, und ich überlege, was Eva dann war. Kann der Sturm einen Wind in sich tragen oder der Wind einen Sturm um sich herum? Und wenn eines so im anderen ist, wie lässt sich das scheiden? Scheiden lässt sich das nicht. Nur dass Eva es meistens war, die den Kaffee besorgte, die Bouletten briet, aus der Küche, der offenen, heraustrat, mit Tellern beladen, und nun doch etwas sagte, dass der Sturm sich legte davon. Nicht, dass sie direkt widersprochen hätte. Ein Gedicht, das er zweimal gehört hat, weiß KDchen zu deuten. Ein Gedicht, das sie zweimal gehört hatte, nahm Eva beim dritten Mal auf mit dem Kassettengerät. Vielleicht kommt es gar nicht an auf die fertigen Sätze. Vielleicht ist die Stimme selbst die eigentliche Entdeckung? Den Zirkel schreibender Arbeiter des „Neuen Deutschlands“ gibt es noch immer, auch wenn er nicht mehr so heißt. Ich denke, das ist so, weil Eva und KD sich nicht nur auf das Geschriebene einließen, sondern auf die Schreibenden. Und als sie nicht mehr Sieger der Geschichte hießen? Gerhard Gundermann nannte es: Tankstelle für Verlierer. Weil nicht die Verlierer die Verlorenen sind. Auch wenn es weh tut, was Verluste mit uns machen.

Eva, die stellvertretende Schuldirektorin für außerunterrichtliche Aktivitäten, kam in die Kreisleitung ihrer Partei in den siebziger Jahren. Ein Versehen von kurzer, schmerzhafter Dauer. Besser aufgehoben war sie im Ministerium für Volksbildung. Zu dessen Häupten stand: Wir wollen allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeiten erziehen. Von Informationsklumpen im Bildzeitungsformat stand da nichts. Also gab es etwas zu entdecken. Ich habe einen kleinen bunten Katalog. Bilder, von Kindern geschaffen für die „Galerie der Freundschaft“. Als sie im Zentralen Methodischen Kabinett des Ministeriums arbeitete, brachte Eva diese Kinderkunst zu Ehren. Wohlgelitten, weil sie manchem Vorgesetzten zu einer begehrten Auslandsreise verhalf. Bis nach Japan, Finnland, wo man sich einiges abgeschaut hat vom Unrechtsregime der SED und der Unterjochung seiner Kinder. Die Bilder lachen die Verbildeten aus, und Eva war glücklich in dieser Zeit.

So wie ich glücklich war, als ich meine Immatrikulation für das Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in der Hand hielt. Die kleinste Hochschule der Deutschen Demokratischen Republik, an der Dichter lehrten und lernten. Wo Eva meine Kommilitonin war. Für ein paar Monate zog ich in ihre Studentenwohnung mit ein. Auch davon gibt es ein Gedächtnisfoto. Vom Stipendium trennten uns drei lange Tage. Wir schoben den Inhalt unserer Portemonnaies zusammen und gingen in die Kaufhalle. Eine Flasche Cabernet – schon war die Barschaft auf Groschen zusammengeschmolzen. Aber ein großer Weißkohl mit Mayonnaise und etwas Brot, versicherte Eva, machen uns allemal satt. Ich habe nie wieder so leckeren Weißkohl gegessen. Im Zimmer öffneten wir die hölzerne Schatulle. Immer, wenn einer von uns unterwegs war, und dem anderen fiel etwas ein, worüber zu reden wäre, landete ein Zettel im Kasten. Eine Handvoll davon war uns ein Abend, eine halbe Nacht. Und Eva schrieb ihre Abschlussarbeit über Rudolf Baumbach, der ihr vertraut war seit der Kindheit in Kranichfeld, schrieb, um ihn zu befreien aus dem Butzenscheibengefängnis der Literaturgeschichte.

Gerüchte stoben durch das Schulgebäude. Eva Schönewerk ist schwanger! Nein, ist sie nicht mehr! Aber wo ist das Kind? Sie wird keine Kinder haben! - Das war fast vergessen in Leipzig, als ich hörte: Eva auf der Intensivstation, eine Blutung im Kopf, das Leben am seidenen Faden. Pendeltüren im Krankenhaus. Angst. Wochenlang Angst. Langsam verschwanden die Kopfschmerzen, kam das Gedächtnis zurück. Ein Stückchen Metall blieb hinter der Stirn, wo die Ader geplatzt war. Der Detektor auf dem Flughafen Moskau-Tscheremetjewo piept und piept. Alles liegt schon auf dem Tisch der Kontrolleure. Schlüssel und Schnalle, Brosche und Börse. Streng gucken die Genossen vom Zoll. Eva, für den Sachverhalt fehlen Vokabeln, tippt sich, erklärend, wie sie meint, und nachdrücklich, und mehrfach deshalb, an die Stirn. Kein Verstehen leuchtet da auf in den uniformen Gesichtern. Die Blicke verfinstern sich wie russischer Wald. Mitkommen, dawai… So hab ich mir gemerkt, wie Eva lachte.

Das Leben ist schön wie ein leuchtender Stern. Er darf nur nicht rot sein, so wie er als Plastik den Pionierpalast zierte. Die das Haus übernahmen, auf dass es statt Arbeitsgemeinschaften und Veranstaltungen endlich Events und Workshops gäbe und damit der Kommunismus auch dort ausgetrieben werde mit dem Kommerz, haben das Sinnzeichen zerlegt und neu zusammengesetzt. Die Übung kannten wir schon. Jetzt sieht es aus wie Gegenwartskunst. Mit den Menschen ist das weniger gelungen. Entweder klappte das Zerlegen nicht oder beim Zusammensetzen ging etwas schief. Hier erlebte Eva das Gewende. Nach dem Studium in Leipzig waren wieder Kinder und Jugendliche und das, was sie schrieben, die Landschaft ihrer Entdeckungen. Uljana Wolf, inzwischen mit dem Peter-Huchel-Preis geehrte Lyrikerin der neuen Generation, gehörte zu ihren Schützlingen. Aber auch, wenn nicht ein einziger sich einen literarischen Namen gemacht hätte, wären Schubladen und Regale Evas, die wirklichen und die des Herzens, aus diesen Jahren gefüllt. „Wann sag ich wieder Ich und meine Wir?“ fragte Volker Braun, als das Land in den Westen ging. Für Eva stand die Frage nicht. Vielleicht, weil Ich zu sagen und Wir zu meinen, zu den Wurzeln aller Kunst gehört. Aber das FEZ war keine Arche. Auch wenn an der Seite von Horst-Dieter Klock die Berliner Märchentage möglich wurden, mit der Irene, dem jährlich verliehenen Preis für selbst geschriebene Märchen. Die Räume, lust- und mühevoll erobert, wurden kleiner. Am Ende blieb die Arbeitslosigkeit. Blieb der Gang vors Arbeitsgericht. Eine Rente, die nicht Lohn war, sondern Strafe. Aber was heißt denn hier: Ende?

So hört die Geschichte nicht auf. Als ich am 25. Februar ein Foto Evas ins Internet stellte, verbot mir Rita einen schwarzen Rand. So gern Eva schwarz trug, das geht nicht. Allenfalls Grün. Ich habe mit der Erde, dem Meer und dem Himmel geredet. Was, wenn wir vor diese Tür treten müssen, vor Evas letzte Tür, sollen die Meisen sagen? Man braucht nur die Hand auszustrecken, ein Nüsslein darauf, und zu warten. Sie kommen von selbst. Fliegen auf und davon. Flatterherz. Kommen zurück. Es ist wie bei euch, werden die Meisen sagen, wie bei euch Menschen. So nahm ich Blau.

Die Geschichte ist nicht zu Ende, weil es zum Beispiel Samba gibt. Eva lernt trommeln. Gründet bei der Volkssolidarität eine Tanzgruppe für Senioren. Auf mehr als 100 Veranstaltungen hat dieser Kreis es gebracht. Wie findet sie es immer wieder, das Fädchen Freiheit im Geknäuel der Pflicht? Der kranke Geliebte. Die neue Wohnung, in der Tausende Bücher und Blätter endlich wieder zueinander finden, aber auch nach Ordnung verlangen und wünschen, zur Hand genommen zu sein? Mit wie vielen Stimmen reden diese Stuben, redet der Flur? Aus den Fenstern ist der Tierpark zu sehen. Die letzten Bilder, die ich von Eva habe, sind dort aufgenommen. Wir sind gemeinsam spazieren gegangen, Eva, KD, Rita, Vera und ich. Nach Tagen bekamen wir einen Brief. In drei Dutzend Sentenzen hatte Eva beschrieben, was sie auf diesem Weg an uns und mit und neben uns entdeckte. Wir fühlten uns von ihr erkannt, inmitten der anderen Wesen. Es gibt keine Exoten. Man könnte den Tierpark auch um seiner Kaiserkronen willen lieben. Und sowieso wegen der Meisen, die ihre Krallen zurückbiegen, wenn sie auf den Fingerspitzen landen. Wir spüren sie trotzdem. Und es ist schön, dass wir sie spüren.


Schön ist das Leben, das sich bemerkbar macht, wie blauer Flügelschlag, wie die Blüten der Kaiserkronen, windbewegt und leuchtend aufgetan. Danke, Eva, dass du mit uns warst.