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New York

Central Park NY

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Fast jeder hat irgendwann einmal von Amerika geträumt. Ich auch. Für mich war das nur nicht besonders realistisch. Ich war Bürger der DDR. Nicht dass ich sonderlich darunter gelitten hätte. Für die Mauer hatte ich mehr Verständnis, als ich heute noch selber nachvollziehen kann. Aber New Nork. Irgendwann komme ich auch mal nach New York. Und dich nehme ich mit, habe ich meiner Frau versprochen. Das war 1987. Aber wie? Wann? Aus welchem Anlaß? Keine Ahnung. Nun war ich dort. Und New York war wirklich - New York.
Monströse Straßenschluchten hatte ich gefürchtet. Aus der Perspektive durchschnittlich irrsinniger Helicopterpiloten können sie Platzangst wecken. Statt dessen wanderten wir auf den Alleen und suchten uns einen Lieblings-Wolkenkratzer aus. Der Chrysler-Tower hat das Rennen gemacht. Die meiste Zeit waren wir mit den Leuten beschäftigt, die Manhattan in diesem verrückten Winter mit Leben erfüllten.



Das Wetter war völlig durchgeknallt. Dezember. Die First Lady hatte schon den Stecker in die Dose getan für den Christbaum am Rockefeller Center, und in Harlem saßen die Lebenskünstler im T-Shirt vor den Cafés: 26 Grad plus.Was Wunder, daß viele Menschen umherliefen, als hätten sie gerade ein überraschendes Geschenk erhalten? Der Obdachlose fror nicht. An den Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten hatte er sich angekettet. Der Schwarze unter einem Baustellendach unweit des Broadway machte sich ein paar Dollar. Sein Schlagzeug hatte er aus dem zusammengebaut, was die Arbeiter liegen ließen. Farbeimer, Blech, ein Wasserfaß. Mit nichts mehr noch immer nicht aufgeben - das ist nicht Stoff für eine Tellerwäscher-Story, sondern ein Teil vom Alltag in Manhattan. Wer es durchhält, sieht ein paar Meter weiter, wohin der Aufstieg führt. Am Central Park spielen die Musikanten auf richtigen Instrumenten. Wanderte man die ganze Straße hinunter und sammelte sie alle ein, so ließe sich getrost eine Big Band gründen. Aber jeder spielt etwas anderes. Auf seinem Instrument - und überhaupt in NYC.



Natürlich sah ich, daß die Kindermädchen mit dem weißen Nachwuchs selber schwarz waren, und der umgekehrte Fall dürfte auch in der Hafenstadt der Heimatlosen zumindest als ungewöhnlich gelten.
Im Henry Ford Palast erlebten wir, wie Gewalt gegen Dunkelhäutige bis ins Pogrom führt. Die Starinszenierung "Ragtime" verhandelt eine Adaption von Heinrich von Kleists "Kohlhaas"-Novelle so, wie sie sich hier in New York zugetragen haben könnte.
In Chinatown gerieten wir in eine Demonstration - gegen Rassismus. So wurden wir daran erinnert, daß wir nur Touristen sind, die an der Oberfläche kratzen. Dabei hatten wir schon auf Mietwagen und - weitgehend - Taxis verzichtet. Obwohl gerade das ein Erlebnis für sich ist. Die Subway brachte uns auch ans Ziel. Doch egal, wohin wir kamen. New York war ein Heerlager. Die Heilsarmee stand an jeder Ecke. Schließlich reimt sich Weihnachtszeit auf Barmherzigkeit. Dass die Kämpfer in Christo so hübsche Gesichter aufzubieten hatten, erschütterte meinen Unglauben tief, aber nicht nachhaltig.



Sie waren im übrigen nur eine Facette in einem unüberschaubaren Mosaik von Hilfsorganisationen und karitativen Vereinen, die jeden und jede zur Kasse baten. Auch in den Hallen der Bürokolosse gab es Verkaufsausstellungen zu wohltätigen Zwecken.
Wo Hilfe fast ausschließlich private Hilfe bedeutet, entwickeln Menschen ein anderes Verständnis von sozialer Verantwortung. Es mag in unseren Augen groteske Züge annehmen, entspricht aber dem Leben. Allmählich paßte ich mich den Verhältnissen an. Wenn ich schon keinen Monster-Trabbi fuhr, so hatten doch wenigstens meine Füße bald komplette Luftbereifung. Wir verließen unser Hotel täglich früh um acht und kamen um Mitternacht zurück. -
Brooklyn Brigde war der Traum meiner Frau. Hier kamen uns die ersten Jogger entgegen. Das ist die Verkehrsarithmetik der Stadt: 60 Prozent der Leute sind mit dem Wagen unterwegs.
30 Prozent joggen und 10 Prozent stehen gerade auf der Rolltreppe oder im Fahrstuhl. Alle vier Stunden wird getauscht... Dabei haben wir nicht ein einziges von all den berühmten Museen besucht. Statt dessen ließen wir im Hollywood-Kaufhaus den Plastekitsch über uns hereinbrechen. Ich wäre ja umgekehrt, hätte vor mir nicht eine reizende junge Frau sich voller Entzücken zu ihrem Freund gebeugt: "It´s sooo funny!" Ich kam mir wie ein sehr unamerikanischer Kulturbanause vor.



Auch Trump Tower und Bloomingdale´s haben wir heimgesucht. Ersterer erschien mir zunächst wie eine Art Aldi für Millionäre. Das heißt im Paterre, am marmornen Wasserfall, gibt´s ´n Kaffee für´n Dollar aus´m Pappbecher. Und zwei Stockwerke höher das Halskettchen für sechs Millionen. Liegt im Schaufenster. Dazwischen verteilt eine Angestellte Zehn-Dollar-Broschen, damit die Europäer auch beweisen können, daß sie drin waren. Steht nämlich auf der Tüte.
Bloomingdale´s dagegen hat Charisma. Und Hüte. Die sind bekanntlich ein Problem, wenn frau Kopfgröße 59 hat. Jedenfalls in Deutschland. In New York dagegen, in den Baptistenkirchen von Harlem, werden Hüte ausgeführt. Groß wie Wagenräder, mit Hutnadeln wie Ehrendolche, verkörpern sie den Status der gemeindeführenden Mamas. Die bekanntlich Dickköpfe sind, denn sie müssen eine ganze Generation vietnamgeschädigter GIs vor nicht nur vor dem Verrecken im Drogensumpf bewahren, sondern sie auch noch ersetzen: im Job, in der Familie und manchmal eben auch in der Kirche. Deshalb gibts bei Bloomingdanles so große Hüte. Denk ich mal.



Im Marco Polo steht: "Es gibt auf dieser Welt keine unsentimentalere Stadt, und doch verleitet sie noch jeden Besucher dazu, eine sentimentale Beziehung zu ihr zu entwickeln." Dem ist kaum zu widersprechen. An dieser Stadt wird so ziemlich alles Symbol, wenn auch nicht immer im Sinne der Erfinder. Die mächtige Wallstreet zum Beispiel ist bei näherem Hinsehen eine Krämergasse.
Das allergrößte, was diese Metropole hat, ihr Dollar, müffelt nach Provinz. Und ausgerechnet Mauer-Straße. Wie in Berlin. Wo die Mauer war. The Wall. Trennte freizügig und bevormundet, Hartgeld und Aluchip, versaubeutelte Utopie und utopielose Saubeutelei. Und hier? So ähnlich anders. Und dort?
Dort versucht der Potsdamer Platz ein bißchen New York zu spielen. Auch eine Mauer - des Geldes, das sich ein Denkmal setzt. Menschen nur braucht zu Staffage und Konsum. Totalitärer gehts nicht. Und wird nicht New York. Weil New York eben doch seine Sentimentalitäten hat. New York schläft nicht und träumt trotzdem. Am Time Square läßt Yoko Ono ein riesiges Plakat aufhängen: Der Krieg ist vorbei, wenn Du es willst. Mach das mal am Potsdamer Platz.



Wer merkt, daß die alten Brownstone-Häuser viel spannender sind als die Börse, den hat NYC schon gepackt. Dabei heißt Stadt der Städte noch mehr. Sie sind alle hier, wie Splitter eines Hologramms, verschwommen, aber vollständig, und es gibt Straßen, da meint man unversehens im Prenzlauer Berg von Berlin zu stehen, in jener Allee, die mal nach Dimitroff hieß.
Wenn New York nur hoch wäre und nicht auch groß, käme sich in Manhattan jeder wie diese Kolumne vor. Allein zu wissen, daß sieben Millionen in der City leben, 16 Millionen im Weichbild von NYC. Dazu 31 Millionen Touristen im Jahr. Nur Hudson und East River verhöhnen die Hektik, und die Skyline signalisiert: Wir arbeiten daran, arbeiten zu lassen. Wir sind das Großraumbüro der Weltwirtschaft.



Und doch: Keinen Moment lang habe ich in dieser Stadt Enge empfunden. Ich hatte wenig Platz, aber ich war nicht in Bedrängnis. Nicht im Ameisenhaufen vor dem Rockefeller Center, wo mir fünf Nationen zugleich auf den Füßen standen und ich die Engel aus Pappmaché schon singen hörte. Nicht in der Subway zur Rush Hour. Im Strudel dieses selbstbewußten Pragmatismus bekam ich immer Luft. Allerdings: Ich muß nicht mein Brot in NYC verdienen. Ich muß nicht beweisen, daß ich es schaffe: hier und also überall. Ich zweifle aber, daß New York City eine Stadt für Kinder ist, obwohl ich viele Kinder sah.



Im Central Park habe ich eine Turnstunde erlebt. Während des gesamten Unterrichts fiel kein lautes Wort. Die Pfeife war leise und gedämpft. Die Schüler lachten und bewegten sich trotzdem diszipliniert. Mein Sportlehrer würde mir das nicht glauben. Das macht den Unterschied.
Der Central Park ist die Paranthese zu NYC. Er hat all meine bildungsbürgerlichen Vorsätze gefressen, restlos. Mit ihm haben die New Yorker sich ein Abbild ihres eigenen Lebensgefühls geschaffen. Einen Ruhepunkt von 340 Hektar Ausmaß, wo kein König erst sagen muß, daß jeder nach seiner Facon selig zu werden beliebe. Eine Landschaft im steten Wechsel, so reich an Wurzeln, Herkünften, Möglichkeiten, wie die Stadt selbst. Ein Reservat aber auch, über dessen Kostbarkeit stillschweigendes Einvernehmen besteht.
Central Park läßt die Dimension ahnen, die das Unüberschaubare hat, das ihn umgibt. Oder auch, wie groß die Sehnsucht jener ist, die nicht zu den sehr Reichen gehören und in winzigen Appartements leben. Central Park ist Ausdruck und Gegengewicht zugleich für jene Widersprüche, aus denen heraus sich New York immer wieder erneuert. Central Park ist aber auch das an den Füßen mitgeschleppte Stück zu Hause, zu dem selbst die Späteren heimfinden.



Central Park ist die Stille im Auge des Taifuns. Und das Hotel Dakota, wo die Schüsse auf John Lennon fielen, ist ganz in der Nähe. Strawberry Fields for ever...
New York City. Stadt der Städte. Voller amerikanischer Boys, die so aussehen, als ob sie immer, aaaaalllles ganz artig aufgegessen hätten. Mit Salatbars, wo der Kaffee nachgeschenkt wird, sobald die Tasse leer ist, und das Frühstück mit süßem Truthahnfleisch, Reis und Gemüse für den ganzen Tag reicht.
Mit Restaurants, die an alte Ost-Mitropa erinnern, und solchen, deren Preise sich proportional zur Etage bewegen, in der sie liegen. Mit erbarmungslosen Trafficmen, die den Gelbfahrer ins Einbahnstraßen-Chaos umlenken. Mit Bühnen, die weniger als hundert Plätze haben, aber dafür die verrücktesten Ein-Personen-Stücke von Manhattan. Mit meinem ersten schwarzen Santa Claus und homeless people, die nachts zwischen Müllsäcken liegend den Transistor dudeln lassen. Good bye


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