Mit Kant und Kegel nach Italien
Mignons Lied
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin! dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.
Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach.
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl?
Dahin! dahin
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn.
Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg;
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut;
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut!
Kennst du ihn wohl?
Dahin! dahin
Geht unser Weg! O Vater, laß uns ziehn!
Johann Wolfgang Goethe
Ascea, 24. März 2002
"Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn? Dahin, dahin lass uns ziehn", heißt es in "Mignons Lied" bei Goethe im "Wilhelm Meister". Es stand, wenn ich es recht erinnere, für das antiklassische - also antigoethesche - Konzept, für Weltflucht und Romantik. Nun sind wir hier. Die Zitronen hängen reif an den Bäumen. Das Meer grüßt zum Fenster herein. Wir schleppen das Vergangene an den Füßen und im Herzen mit.Der Olivenbaum fragt nicht danach. Welt. Flucht. Romantik. Von Frankfurt bis hierher bin ich 25 Stunden gefahren, gute 2000 Kilometer. Am Sonnabend, spät nachmittags, sind wir angekommen. Gestern haben wir dem Meer Guten Tag gesagt bei Regen und stürmischem Wind. Jetzt klärt sich das Wetter.
Unser Haus ist einfach und schön. Wir haben, was wir brauchen, und für die Kinder gibt es eine große, wilde Wiese... Ich bin ein Erinnerer, das ist meine wirkliche Rolle, in der war ich fast immer besser als in der des Visionärs. Obwohl schwarze Prophetie zwischen all den neuen Kriegen billig zu haben ist. Was für ein Vorspiel auf was für einem Theater! Und für was für ein Stück!
Aber ich sehe mich um und versuche mich zu erinnern. Warum ich einmal eins war mit der Welt. Worin die Genossenschaft bestand und warum sie keine Komplizenschaft war. Trotz allem nicht. Ich muss mich umsehen und die Gesichter entziffern hinter dem angelernten Misstrauen, dem Ausgelaugtsein, der Isolation... Vor dem Olivenbaum, vor den reifen Zitronen, den Bergen, dem Meer weicht jede politische Landschaft zurück. Wir haben uns ein Stück Freiheit gekauft. So machen wir das im Kapitalismus.
Wir finden die Freiheit nicht, wir arbeiten nicht, kämpfen nicht, verbünden uns nicht dafür. Wir sparen ein Weilchen und dann kaufen wir uns ein klitzekleines Stück, gerade so, dass es für uns und eine kurze Frist genügt. Wie, zum Teufel, sollte ich zufrieden sein? Aber wir sind auch nicht dazu verflucht, so zu leben. Ich habe bloß noch nicht den Ausgang aus diesem bescheuerten Spiegelkabinett gefunden. Ich habe bloß noch nicht begriffen, warum ich mache, denn aus dem Warum erwächst das Was. Das Woher bestimmt nicht das Wohin, nur einen kleinen Teil davon: das Wohin-nicht. Es geht nicht darum, wieder Kraft zu schöpfen für ein Leben ohne Antworten, sondern für die richtigen Fragen. Pfeifen im Walde. Gedroschenes Stroh. Hier sind die Berge, das Meer, der bittersüße Kaffee. Johannes lässt seinen selbstgebastelten Drachen steigen am Strand. Vera schläft. Rita ruht sich aus. Warte nur, balde ruhest du auch.
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Ascea, 27. März 2002
Der Frühling streut Blüten über die Wiese, färbt die Berghänge gelb. Jetzt scheint sogar Sonne aufs Buch. Zum ersten Mal kann ich draußen auf der Terrasse sitzen... Schon gestern hatte sich der Wetterumschwung angedeutet, als wir durch Küsten- und Gebirgslandschaft fuhren. Im Schatten einer Steilwand, die selbst den Blick abprallen lässt, streckten meine drei endlich die Zehen ins Meer. Hoch über dem blauen Gekräusel hielten wir ein Mittagsmahl... Die Momente werden länger, da alles durch mich strömt mit Wohlbehagen. Im Schlaf fließt der Sud ab, so scheint es. O ja, es ist viel, was da in die Gosse der eigenen Zeit zu rinnen hat.
Wann habe ich mich denn in den letzten Monaten, Jahren, wirklich selbst reflektiert - von einigen eher halbherzigen Anläufen abgesehen? Von Loslassen gar nicht zu reden. Das geht auch hier nur, wenn - wie jetzt - Vera schläft und Johannes stockschnitzend im Garten sitzt. Vielleicht können wir sogar dankbar sein, dass Italien uns nicht mit paradiesischen Spiegeln überfiel, sondern uns hineinnahm in eine Übergangszeit. Dass ich sah, wie sich die Wolken an den Gipfeln verbluten, sehe, wie die Fülle erst losbricht, das Land sich, die Campania, belebt. Natürlich Goethe. Allgegenwärtig. Und Mignons Lied. Ohne Ernst denke ich: Das kann ja nichts werden mit einem Land, wo Meer und Berge 500 Kilometer auseinander gezerrt sind, aus solchen Zwischenraumbewohnern, die immer nur zwischen den Hälften pendeln (dabei bin ich selber nie ein Bergmensch gewesen). Im Augenblick tut nichts weh. Gebadet sitze ich in der Sonne.
Ascea, 29. März 2002
Meine Seelenverfassung, mutmaße ich, möchte zu tun haben mit meiner Urlaubslektüre, der "Okarina" von Hermann Kant. Was ich Görlichs Erinnerungen vorhielt, gleicht sich hier aus. Es ist ein Roman und es ist ein Erzählen ohne Ausflüchte, wohl aber mit angemessenem Beharrungsvermögen. Ein trauter Ton, herüber genommen aus Zeiten, in denen wir "Sozialismus versuchten". Sträfliches Begehren: ein Leben ohne Kapital. Alles dient dazu, uns unsere Gründe vergessen zu machen: Fernsehen und Zeitung und Radio. Aber Fernsehen und Zeitung gibt es hier nicht, und aus dem Radio dringt kein deutsches Wort. Also verbleiben nächtig-mächtige Traumblasen und ansonsten das Meer, die Berge und die sehr kosmopolitischen Eidechsen, die sich auf den Steinen sonnen. Nähern wir uns, stellen sie sich erst einmal tot, ehe sie entfleuchen, in eine Steinritze möglichst, aus der sich lugen lässt, ob die Luft wieder rein ist.
Gestern waren wir in Elea Velia an der großen Ausgrabungsstätte, stiegen zum Burgfried hinan durch den Duft der Gräser und zur Heiligen Terrasse am Gipfel. Ein magischer Ort, der dem Fremdling alles zu Füßen breitet, das Gras erst, dann die jahrtausendalten Steine, die Stadt schließlich, die Straßen und Gleise, das Meer und endlich sogar die Sonne, die im Meer versinkt.
Ein magischer Ort, sagt Rita, und mir scheint die Magie in der plastischen Vorstellung begründet, dass, so wie Johannes jetzt, schon vor Jahrtausenden Jünglinge hier wandelten, nicht achtend der Zeit- und Weltenläufte, dem Knaben gleich, der Disteln köpft - oh je, vor Goethe gibt´s hier wahrlich kein Entrinnen.
Magische Kraft scheint mir zu liegen im Martialischen der Legende vom Philosophen und verhinderten Tyrannenmörder, der seinem Widersacher die eigene Zunge ins Gesicht spuckte, um seine Mitverschwörer nicht zu verraten, und der dafür in einem Mörser sich zu Brei stoßen ließ, einem Brei aus Weisheit und Blut, von dem nur das Blut übrig bleibt. Wahrheit und Schein fanden hier im Denken säuberliche Trennung. Tugend wurde als das Wirkliche besetzt und ein Weltgeist triumphierte über die Götter. Logik machte die Erde rund und Mathematik nährte die Vermutung, dass Raum und Zeit sich scheiden im Unendlichen. Dies alles wirkt wahrhaftig magisch auf mich, während ich auf der Terrasse den kräftig gerösteten italienischen Espresso genieße, den Rita mir braut.
Der Philosoph und der Schriftsteller Kant unter dem Mörser, und jene, von denen dieser erzählt, rufen die gute Fee herbei, die Freiheit heißt und sich nur von Fall zu Fall (sic!) einem richtigen Web anverwandelt, das Mann dann aber auch nehmen muss, weil sie für kurze Zeit auf alles Idealische und Ätherische pfeift, und weil das die einzige Gelegenheit ist, ihr wahrhaftig nahe zu kommen. Dann darf man ihr Fahnen schwenken und Lichter anzünden und allerlei verliebten Unsinn tun, aber es ist besser, darüber nicht zu vergessen, dass sie weder Licht noch Fahne ist, sondern ein sehnsüchtiges Weib. Dann, meinetwegen, wieder gute Fee, idealisch, ätherisch, Trösterin der von Freiheit Befreiten, psalmodierender Sang der Kastraten.
Der Haufen verspielt die Erfüllung des Einzelnen, aber der Einzelne, dem sie erscheint, wird sie nicht vor dem Haufen beschützen. Ihr Auftauchen ist kein Argument gegen ihr Verschwinden. Ihr Ausbluten besagt nichts über ihre Wiederkunft. Die Wahrheit trennt sich vom Schein nicht erst im Umendlichen. Aber ein wenig muss man schon selbst dafür tun. Deshalb gefällt mir der Trotz des 76-jährigen, der auch aus seinem Foto spricht.
Einen barocken Umgang mit der Sprache bescheinigt ihm die Kritik. Die Opulenz ist nicht spielerisch per se, aber sie ist es, wo die Erzählung an Intensität gewinnt. Nach dem Spielerischen halte ich Ausschau, auch so ein Grund, weshalb wir jetzt in Italien sind. Spiel wird zu einer zentralen Kategorie. Spiel kennt keinen "point of no return", keine Einheit von Korrektur und Selbstverleugnung, keinen Unernst, der nicht ernst meinte, was er gerade versucht. Am Spiel hat es mir oft und lange gefehlt. Als Spiel zu sehen, was nicht als Spiel gesehen (oder durchschaut) sein will, lerne ich wie ein neues Alphabet. Dass es mir in gewünschtem Maße, geschweige denn immer, gelänge, wäre gelogen.Das Spiel ist der Ausstieg aus dem Spiel, das sich als Ernst verkauft (sic!). Einer wie ich muss das lernen, einer, der so entsetzlich deutsch ist, wie er nie sein mochte. Hier wird das nicht gelernt - es ist allgegenwärtig und es verrät sich als durchaus nicht idyllische Variante von Leben, zeigt uns Defizite, Dreck und Schlamperei, aber auch Toleranz als Alltagstugend, im Straßenverkehr, in der Gaststätte, wo auch immer. Zeigt sich vor allem als lebhafte Fröhlichkeit. Wo haben wir zuletzt so viele Leute lächeln sehen, lachen bei ihrer Beschäftigung und bei ihrem Müßiggang?
Ascea, Ostersonntag 2002
Ohne Euch hätten wir uns nicht nötig gehabt. Das ungefähr ist die Essenz der "Okarina", und weil der Satz ambivalent ist, gibt es eine Lesart dazu, 400 Seiten umspannend, in vertrautem, zumeist verspieltem, manchmal ganz schnörkellos dialektischem Ton. Wiedererkennbar über - vermeintliche - Zeitenbrüche hinweg. Das ist es ja, was mich derzeit und diesenortes tief in Sinnen gehen lässt, dass ich meine Zeit zu begreifen versuche und meinen Platz in ihr.
Rita sagt: "Mein ganzes Leben fülle ich mein Eimerchen - mit Eindrücken, Erfahrungen, Liebe, Schmerz, und wenn das Eimerchen voll ist, kann ich gehen." Meine Zustimmung ist ungeteilt, auch wenn Schreiber hin und wieder ein paar Löffelchen abzuschöpfen versuchen, zum allgemeinen Verzehr und vielleicht auch, um die eigene Frist ein wenig zu verlängern, die eigene Örtlichkeit ein wenig zu entgrenzen... Gestern, den Morgenhimmel beschauend, rief ich: Grottenwetter! Und wir machten uns auf nach Palinuro und Camerota, um uns da wie dort einzuschiffen und an den Wänden des Millenniumgeschiebes vorbei zu den vielgerühmten Grotten chauffieren zu lassen. Der Wind ging milde mit uns um. Das Meer war blau, wie es blauer nicht sein kann. Aber die Wände - und wir in ihrer Zeit. Das Leben reicht nicht für das leiseste Knack ihrer Unruh, die sie hunderte Meter hoch türmt, bestürmt, höhlt und füllt. Auch ihre Zeit ist meine Zeit, dafür bin ich Mensch und zufällig nicht Eidechse, die sich auf dem Stein sonnt, aber dass meine Zeit auch die ihre wäre - undenkbar. Das Meer ist mir, der ich es bestenfalls randzu mit der Barkasse befahre, vor allem das, was es mir vor die Füße legt außer Wasser. Und in Kant treffe ich mich mit der Zuordnung zum Sammler, statt zum Jäger, noch halbherzig, aber mit dem Bekenntnis zum Treidler, statt zum Yachtman, in Gänze.
Es wird seine Bewandnis haben, dass sich das Wort des Gedächtnisses wehrt, so sehr, dass ich es im Hymnus auf die Landschaft, wie die Tourismusbroschüre ihn ausbreitet, nachschlagen muss. Aber ein anderes träfe es nicht.Es ist eine besondere Form der Spiritualität, in der die Begegnung zwischen Stein, Mensch und Meer stattfindet. Sie hebt die krämerhafte Dimension der eigenen Existenz auf und vergegenwärtigt zugleich die menschliche, denn der Mensch ist es, der sich seit zweieinhalb Tausend Jahren in diese mühsame wie schöne Küste krallt, landzu, meerwärts, und dass hier Philosophen, Dichter und Mathematiker geboren wurden, wirkten und sich um ihrer Einsichten willen zuweilen umbringen ließen, kann keinen wundern, der gesehen hat. Es entzieht sich der Beschreibung, ich fürchte, es entzieht sich auch der Fotografie (jedenfalls das, was ich meine, und meiner beschränkten Fähigkeit zu fotografieren). Ich meine nicht das schwelgend Romantische, eher schon die friedliche, aber zugleich herausfordernde Konfrontation (wie mag der Schiffsführer darüber denken nach der 20 000. Tour?). Ich meine das Gefühl im Wind auf der Spitze des Kutters, meine die Strukturen des Steins, das Schroffe, gemildert durch Größe, durch den Charakter von "Architektur" - die ja auch eine Kunst des Zusammenfügens ist -, meine die Gegenwart meiner kleinen Menschengeschichte und meine die Topi, die sich aufdrängen, wenn der verhinderte Tyrannenmörder seinem Herrscher, statt verräterische Antwort zu geben, die selbst abgebissene Zunge zwischen die Augen spuckt, einen blutigen Stein, und dafür, ein blutiger Stein, unter dem Mörser zermahlen wird.
Zeit und Zeiten und der eigene Platz darin, aber zugleich der gänzlich unbedachte, wohlige Schauer, das einfach nur beim Wasser sein, als wäre es nicht nur der eigene Ursprung, sondern einer auch, der sich befragen ließe, der nicht nur Muscheln und Steine vor die Füße spuckt in unblutiger Gelassenheit, weil er solch Aufhebens nicht nötig hat...
Gesehen haben wir auch die Karfreitagsprozession im abendlichen Ascea, die Rita zunächst irrtümlich als Straßenparty identifizierte. In ihrer Größe überstieg sie, der Beteiligung nach und auf die Einwohnerzahl des Städtchens umgerechnet, kaum die 1.Mai-Prozession in Frankfurt an der Oder. Interessant war mir zunächst das nicht daran beteiligte Volk. Es ließ sich weiter balbieren - so etwas tun die Friseure hier noch oft und gründlich - oder trank weiter seinen Kaffee, es stand vor den Türen der kleinen Geschäfte oder schleppte auch rasch zwei Stühle herbei für die blaue Mutter Maria und den naturalistischen Christus, den ebenfalls junge Frauen schleppten. Vornean in ihrer Gewandung schritten weiß und lila und goldbortenreich die Kundigsten der Zeremonie, hielten an zum Gebet, zogen singend weiter. Hinterdrein schob ein älterer Herr eine Art Servierwagen, auch auf Christi Grablegung getrimmt und mit Funklautsprechern und Akkus versehen. Kirche und Technik, ein ebenso verlogenes Kapitel wie Kirche und Liebe. Die mitzogen aber waren von jeglicher Art, und schon das entzieht sie jeglicher Art Diffamierung.
Außerdem weiß ich zuzeiten die Papst-, Christus- und Heiligenbildchen in Geschäften, Bootskajüten und Kraftwagen zu schätzen, wäge sie gegen die Duce-Bilder und Duce-Statuetten mit hitlergrussgestrecktem Arm und gegen die Duce-Kalender, die allesamt ebenso im freien Verkauf zu haben s
nd, wie ich argwöhne nicht zu ausschließlich touristischen Zwecken.
Die Nachfrage, ob und wie viel jener Kardinal und dieser General, Oberchristen und Hauptfascisten miteinander zu tun haben, hatten, verdränge ich für den Augenblick und angesichts vielfach vorgelebter Toleranz. Es bleibt mir ein Geisterzug (in einer toleranten Gegend darf auch Gespenstern mit Respekt begegnet werden).
Ich bin schon wieder bei Kant, Hermann, und bei mir und bei der Frage, wovon ich Urlaub mache und was mich besetzt... Was hat mich im vergangenen Jahr wirklich geritten, außer der Überdruss an mir selber? War das eine Zäsur oder nur ein Apercu? Die meisten Steine am Meer brauchen das salzige Wasser, das ihnen Glanz verleiht, um schön zu sein. Nur wenige kommen mit sich selber aus, durch ihre Form, ihre Schichtung, Einschlüsse, Vermengungen. Sie werden gesammelt, jedenfalls von solchen wie mir, und auch dabei regiert der Zufall neben dem Auf und Ab der Wellen.
Manchmal liegt ein Irrtum vor, und ich greife ein Exemplar, dessen Eindruck mit der fremden Feuchte schwindet. Wenn ich es in trockenem Zustand der See zurück gebe, habe ich das Gefühl, ich könnte von gleicher Art gemacht sein und würde irgendwann zurück geschmissen. Und weiß dabei nicht, ob ich, wie der Stein, noch die Chance habe, durch Veränderung, die vielleicht zum wenigsten durch mich vollzogen wird, zu solcher Gestalt zu gelangen, dass ein Aufgehobensein wie der Zufall wahrscheinlich, aber jedenfalls kein Irrtum wäre. Es ist ein Gefühl von Sehnsucht, obschon ich Zweifel an den potentiellen Aufhebern hege; wo landet man da und wie lange wirklich am Ende?
Ascea, 2. April 2002
Gestern der Tag in Paestum war auf besondere Art von Leichtigkeit gemacht. Die Ausgrabungsstätte mit ihren weitgehend erhalten gebliebenen Tempeln, den Resten von Gymnasium, Amphitheater, Wohn- und Geschäftshäusern ist so ohne jedes museale Pathos, so fröhlich bevölkert von Liebenden und Neugierigen, dehnt sich hin, lässt überall ein Verharren zu, doziert nirgends und lockt die Phantasie, dass der Atem weit und frei wird, alle Hast sich auflöst und die Beschwerde. Kaum zu glauben, dass wir vier Stunden brauchten für den Schlendergang, und Johannes zeichnete zwischendurch und ich rauchte meine Zigarre, die Kinder waren mal bei diesem, mal bei jenem. Das Museum schließlich ergänzte, was sich dem Auge vorgezeichnet hatte. Vor dem Grab des Tauchers standen wir, vor Statuetten, Rüstungen und Gefäßen. Den Taucher gab es auch als vergoldete Kette - verspätetes Ostergeschenk für meine Liebste. Heute vormittag ging mir durch den Kopf, dass sich die Sache mit den Steinen, über die ich gestern schrieb, ja auch anders herum verhalten könnte. Vielleicht brauchen sie das Wasser, die Feuchte ja, wie lebende Wesen den Atem, damit wir ihre Farben, ihre Strukturen, nicht nur ihre Schönheit, sondern ihre Beschaffenheit, ihr schweigsames Geheimnis erst lesen können. Vielleicht hat es mit dem Meer die gleiche Bewandtnis, wie mit dem Sohn der Gaia, der die Erde berühren muss, seine Kraft zurück zu gewinnen. Das Meer, das mir den Herzschlag des Planeten anzeigt, leiht auch den Steinen seinen Atem und macht sie beredt. Welle für Welle, aber nicht jede kommt wie die andere. Nur wenn die vorausgegangene, sagt Rita, ihr Werk vollbracht oder nicht vollbracht, aber jedenfalls sich wieder zurückgezogen hat, kann die andere ausrollen am Strand. Begegnen die beiden einander, im Vorstoß die eine, im Rückzug die andere, brechen sie beide.
Brauchten wir eigentlich so viel mehr Lehrer als Steine, Bäume, Meer? Mit Rita war ich heute noch einmal in Velia, als Vera am Nachmittag schlief. Wir stiegen zur Porta Rosa, dem alten Stadttor. Die Hänge waren in Gelb und Grün und Lila getaucht. Auffällig die Abwesenheit von Rot. Unter unseren Füßen die Steine, Schweiß und Blut von wie vielen Füßen? Nicht zu reden von denen, die die Steine schleppten und starben und verfaulten rechts und links ihrer Straße. Jeder Römer, der jemals hier lebte, so schien es, hatte sich in eine Eidechse verwandelt. Bei fast jedem Schritt huschte und raschelte es um uns her. In der Luft lag ein süßes Aroma, Hummeln und Wildbienen brummten, ein Heuschreck setzte über den Weg und klebte reglos am Halm. Ein paar Schmetterlinge feierten den Frühling und ein toter, halb verwester Maulwurf lag da. Von der römischen Therme war das Mosaik des Kaltwasserbeckens mit den Runenzeichen ewigen Lebens noch zu sehen, das Gewölbe noch zu ahnen. Ein überdachtes Arbeitsfeld, zaunbewehrt, abgesteckt. Die meisten Zeugnisse alter Zeit aber waren längst eins geworden mit den Bergen. Dieses Verschmelzen von Steinen. Sträuchern, Bäumen, Himmel, Bergsilhouetten, Olivenhainen war es, was die Magie ausmachte, die dabei über uns kam wie die belebte Stille eines Frühsommerweges. Was für ein Zufall, dass wir jetzt hier gingen und nicht als Hiergeborene vor zwei Millennien. Dann wären wir besser trainiert, wussten wir, als wir den anderen Weg nun einschlugen, noch einmal zu den Heiligen Terrassen aufstiegen und weiter gingen, den Bergkamm entlang und also die frühere Stadtbefestigung, zu Häupten der Porta Rosa, wo Touristen sich tummelten, und weiter ins Geblüh, Geraschel und Gebrumm, zwischen dem, was Stadtmauer einst und was Behausungen waren, bis zum Altar des Zeus auf einem großen freien Platz und immer noch weiter, ganz für uns allein, bis wir zum äußersten Punkt der Anlage kamen, zum kleinen Castell, wie wir nachlesen konnten, dem Meisterstück früher Siedlungsverteidigung. Jenseits dessen, auf der der alten Stadt zugewandten Seite nun, sahen wir, hineingewoben in das archäologische Areal, neue Bäumchen und Rebstöcke, abenteuerlich umfriedete Parzellen. Zeus erschien uns als kleiner weißbraun scheckiger Hund. Noch abenteuerlicher waren die Lauben aus Blech und Holz, in rostiger Zisterne wurde das Regenwasser gefangen, vergessen hingen überreife Orangen am Baum. Dies alles zwischen den Höhenzügen von bis zu knapp 800 Metern über Null. Dies alles das Meer vor Augen und die Sonne und die Burg, dräuend oder Geborgenheit verheißend, dies in der Flut von Gelb und Blau und Grün, auf Ahasver-Wegen dies, ein Einziehn und ein Ausziehn, aber kein "fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus", obwohl es doch gerade hier ganz unmetaphorisch stimmte, aber metaphorisch eben nicht. Da lag die Frage viel näher, wie oft ich hier schon gegangen bin, Jüngling oder Greis, Krieger oder Sklave, Wasserträgerin oder Hetäre, und es könnte ja sein, dass Heuschreck und Hummeln, Ameisen und Eidechsen, Bienen und Hund sich zurückverwandeln. Heil Caesar, wir grüßen die ehrbare Stadt, Handel zu treiben mit ihren ehrbaren Bürgern! Wir bringen Nachricht von ferne und wünschen ein Obdach, ein Bad.
Wie ging es da zu in der römischen Sauna, wie stieg da behände der Priester zum Tempel bergan. Wie säumten die Wege sich von weißen Gewändern und bronzenen Schatten. Wie war da jedes Paar Füße Legende ihres Ganges und stand so in Weisheit dem Gesicht ihres Besitzers nicht nach. Und wie lärmte der Frühling schon da auf ganz und gar die gleiche Weise, und wer hatte sich, damals schon, zu verwandeln gewusst in Eidechs und Schreck? Plagt uns Grind und Skorbut, sind wir schön, sind wir frei? Und unser das Meer, weil die Schiffe im Hafen? Mann UND Weib, ist das auszudenken? Anders denn als frühlingsberauschte Heimlichkeit hinter dem Rücken kurzschwertklirrender Wächter?
Klischees, und die Landschaft lechzt nach Klischees, so wie sie selbst eines ist. Oder wäre - ohne die verzinkten Bettgestelle, die als Gartenpforte dienen. Wer mutmaßt Eden dahinter? Ohne die orangen Plastezäune, die rotweißen Absperrbänder, Schwünge und Bogen aus Holz, die künftigen Pavillons. Die Pförtner in ihrem Baucontainer sehen fern. Ab und zu stempeln sie ein Zwei-Euro-Billett. Dahinter, nur mehr unter der Bahn noch hindurch, ist unverzaubert eine dennoch zauberische Gegenwart. Den Weg haben wir nun in den Waden, die kein Lederzeug schmückt. Die Sonne hat mein Gesicht rotgebrannt.
Ascea, 4. April 2002
...was das Meer uns vor die Füße legt...ja. Aber mit welcher Geste: Mannshoch rollten heute die Wellen durch den Regen heran, braun von mitgetragenem Sand, grollend von aneinanderschlagenden Steinen. Sich türmend, brechend, überschlagend, den Strand in Nebel aus Gischt einhüllend... Zur gleichen Zeit lese ich die "Okarina" zu Ende und denke mit Unmut: statt von Genosse zu Genosse jetzt von Verschlag zu Verschlag, das ist, die passenden Verben gleich mitgedacht, doch ein bisschen wenig unter dem Strich. Da ist mir der Autor, auch wenn ich ihm damit Unrecht tue, oder das erzählende Ich, oder alle beide, dann doch ein sehr alter Mann. Der Trotz trocknet aus zum Gnatz und das, was uns nicht wiederkriegen sollte, hat ihn so, wie es ihn haben soll, nämlich so, dass er es recht eigentlich gar nicht merkt. Aber ich doch, der arme Leser! Der nun grad nicht auf die Weltformel wartet, selbst jedoch gerade vierzehn Tage lang ausgezeichnet ohne die Formalien der Welt ausgekommen ist, ohne das seit Jahrtausenden anhaltende honorable Geplapper, das sich in diesem Jahrhundert des Fernsehens, Radios, Internets bedient und der Zeitung natürlich.
Es scheint mir übrigens der einzige gewichtige Nachteil am Beruf des Journalisten, dass er, um Zeitung zu machen, auch Zeitung lesen muss. Während man, um Bücher zu machen, auch Bücher lesen darf. Da will kein Muss mir über die Lippen, obwohl es auch von den Schreibern etlichen erst einmal ein Muss sein sollte. Eine Fußnote das; Kant ist belesen und führt nicht nur Belesenheit vor, sondern auch noch, was einem daraus blühen kann. Um am Ende an der erst mittäglichen Zeitungszustellung zu leiden und bis zum Erhalt des schicklichen Raumteilers mit der zu kalten, weil zu großen Stube zu hadern.
Ist das alles, was einem 76-jährigen Aufklärer an Welterwartung übrig bleibt? Dazu muss ich nicht ein dreiviertel Jahrhundert da sein, das kann ich wahrlich jetzt schon haben, und der zuvor getriebene Aufwand, im Leben wie im Buche, findet damit wohl kaum seine Entsprechung.Warum ärgert mich das? Weil einer mir zugibt, dass er nicht klüger ist als ich? Weil der Fortschritt oder Fortschrott meinethalben verdampft im Moment der Restitution, als müsse Weltanschauung unter dem Druck der Verhältnisse den Aggregatzustand wechseln. Ist die Botschaft mit der eigenen Befindlichkeit schon vollendet? Lohnt das andere nicht mehr?
Frankfurt, 11. April 2002
Von den Kriegen fern und allen Hiobsbotschaften - so wollten wir es halten, bis zum Ende des Urlaubs und das ist uns auch gelungen. Einen wunderschönen Abschlussabend hatten wir noch einmal in Talimuro auf dem Berg, in Troccolis kleiner Pension. Unübertroffen war die Küche seiner Schwester, dick und rund aßen wir uns an dem Vier-Gänge-Menu. Alles war familiär, gelassen. Niemanden störten "Wanderschaft" und Toben der Kinder, und als es dunkel war, lag das Dörfchen in mildem, freundlichem Schein. Der Abschied fiel uns schwer.Der Cilento goß noch einmal alle Frühlingssonne über uns aus, es war warm, vom Wind auf der See rauschten nur die Wellen, die immer noch kraftvoll gegen den Strand angingen, als ich mich verabschieden kam. Das Auto beladen bis unter das Dach. Noch einmal die Landschaft der Berge.
Selbst im Dunkel konnte ich mir die Autobahn kaum mehr ungesäumt von ihnen denken, selbst später in Brandenburg nicht. Widerstrebend fuhren wir und fröhlich zugleich. Durch den Tag. In die Nacht... Dann hatte Frankfurt uns zwar längst noch nicht wieder, aber wir waren zurück.
(c) Henry-Martin Klemt
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