Ideen einer Stadt
Frankfurt (Oder) auf dem Weg aus der Krise
Ortsschild F.
Diese Stadt
bietet zwei Möglichkeiten,
berühmt zu werden:
Erschieß dich oder
box dich durch.
Als im Herbst 1989 mit Maschinenpistolen bewaffnete Grenzposten an der Oder aufzogen, hörte ich - mit Blick auf die Uferzone des Flusses - den Satz: Wenn sie uns das auch noch wegnehmen, können wir endgültig abhauen. Denn Frankfurts großes Pfund bestand immer in seiner geografischen Lage an der alten Handelsachse Paris-Berlin-Warschau-Moskau. Die Stadt war eben nicht nur ein provinzielles Garnisons- und Beamtenkaff, sondern zugleich Bindeglied zwischen der dünner besiedelten ostbrandenburgischen Region und der Metropole Berlin. In Frankfurt (Oder) zu leben, bedeutete den Spagat zwischen dem großstädtischen Siedekessel und der spröde-schönen Landschaft des Oderbruchs. In der Mentalität mischten sich preußische Akuratesse und vorpommersche Behäbigkeit. Die monoindustriellen Komplexe, die in der DDR-Zeit nicht nur in Eisenhüttenstadt und Schwedt entstanden, sondern auch in Frankfurt (Oder), griffen vielfältig in diesen Traditionalismus ein: Städtebaulich dominierte - zumal die Altstadt im zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört worden war - der industrieelle Wohnungsbau, dem Experten allerdings mehr Lebensqualität bescheinigen, als vergleichbaren Satellitenstädten in West- und Nordeuropa. Die Bevölkerung verjüngte sich auf ein Durchschnittsalter weit unter dreißig Jahren. Die Sozialstruktur entsprach den Bedürfnissen des Halbleiterwerkes mit seinen 8000 Beschäftigten: Facharbeiter und technische Ingenieure wanderten zu. Mit der DDR brach der Vorzeigebetrieb zusammen. Übrig blieb ein Chip-Produzent mit weniger als 100 Beschäftigten. Neue Klein- und mittelständische Betriebe stärkten vor allem Handel und Dienstleistungssektor, können sich aber kaum an Firmen des produzierendeen Gerwerbes oder gar Großindustrien anlehnen. Die Bevölkerungszahl sank von über 85 000 auf unter 80 000. Das Haushaltsdefizit der Kommune wuchs in der gleichen Zeit auf mehr als 65 Millionen Mark. Die offizielle Arbeitslosenrate liegt um die 15 Prozent. Ohne nennenswerten Erfolg versuchten die Kommunal- und die brandenburgische Wirtschaftspolitik in den ersten Jahren nach der kapitalistischen Transformation, der Krise der Stadt - die neben einer Investitions- auch eine Identitätskrise ist - Herr zu werden. Der Unterschied zwischen Entwicklungskonzepten und reinen Worthülsen war folglich zuweilen kaum mehr auszumachen.
Wiedergeborene Alma Mater
Eine der tragenden Visionen für Frankfurt (Oder) war zweifellos die Wiederbelebung der Universität. Der Gedanke wurde schon im Sommer 1989 von Frankfurter Künstlern und Schriftstellern geboren und von einem westlich dominierten Beratungsgremium nach der Transformation flugs vereinnahmt. Östlicher Enthusiasmus freilich hätte die Wissenschaftslobby auch gar nicht ersetzen, der Pioniergeist allein nicht die bis heute instabile Finanzierung für die Europa-Universität Viadrina sichern können - und schon gar nicht das im benachbarten Slubice als Gemeinschaftsprojekt mit der Universität Poznan beheimatete Collegium Polnonicum. Jeder dritte der mittlerweile weit über 2000 Studierenden kommt aus Polen. Der Brückenschlag ins künftige NATO- und EU-Land, der Bedarf an wissenschaftlichen Erkenntnissen über wirtschaftliche, politische, juristische und kulturelle Transformationsprozesse, die Internationalisierung vergleichender Forschung sind tragende Säulen der Viadrina. Sie auszuformen, führt vor allem Rektor Hans N. Weiler nicht nur beträchtliches persönliches Engagement, sondern auch in den USA erworbene Erfahrungen ins Feld. Wenn zuweilen dennoch der Eindruck entsteht, daß an dieser Alma Mater die rebellischsten Köpfe im Professorenkollogium sitzen und nicht auf den Hörsaalbänken, so mag es daran liegen, daß sich an der Oder vornehmlich das Beamtentum (N-)Europas im Wartestand versammelt - eine Karrieregeneration: dynamisch, strebsam, beifällig. Politische Honorationen Deutschlands und Polens können an der Oder allenthalben noch die an deutschen Universitäten sonst eher selten gewordenen stehenden Ovationen genießen. Die Stadtväter brauchen sich nicht zu sorgen, daß die geistige Atmosphäre der Stadt allzusehr durch jungakademische Klügelei aus dem Gleichgewicht gebracht werden könnte.
Traum von Silicon City
Das Tauziehen um die Reste des schon durch die Treuhand filettierten HFO kostete das Land mehr als 60 Millionen Mark und war schließlich doch nur durch die Gesamtvollstreckung des in amerikanischem und Landesbesitz befindlichen Nachfolgers System Microelectronic Innovation (SMI) gekrönt. Während im nahen Eisenhüttenstadt kein Monat ohne Aktionen der Beschäftigten verging, bis die EKO Stahl endlich bei der belgischen Cockerill-Gruppe unter die Haube kam, bewies die oderstädtische Fachintelligenz eine geradezu phlegmatische Duldsamkeit. Der am Stadtrand gegründete Technologiepark mit dem Business and Innovation Centre (BIC) wurde zugleich zur Heimstadt der Rastlosen. Er unterstützte vor allem die Ausgründung hochinnovativer Bereiche, die mit geringen Beschäftigtenzahlen national und international wirksame Firmen hervorbrachten. Die Gründung eines Zentrums für angewandte Mikrosystemtechnik (ZAM) schuf die nötigen Querverbindungen zu Wirtschaft und Industrie. Bio- und Medizintechnik rückten stärker als bisher ins Blickfeld. Dadurch wurde die berechtigte Hoffnung gestärkt, auch neben und unabhängig von den HFO-Trümmern den Kern eines Innovations-Standortes Brandenburg zu schaffen. Auftrieb bekam die Vision von einer Silicon City an der Oder auch durch die Entwicklungen am Institut für Halbleiterphysik. Der neue Chef des international bekannten, nach der Transformation neugegründeten Instituts für Halbleiterphysik (IHP), Abbas Ourmazd, stellte die Weichen „from research to innovation“. Ein Drittel der 170 Mitarbeiter unterzog sich dafür einer beruflichen Qualifikation. Allein die Zahl der Chipdesigner schnellte binnen eines Jahres von zwei auf 20 hoch. Die Kooperation mit Universitäten in Europa, marktführenden Wirtschaftsunternehmen und Experten in der ganzen Welt, sorgte ebenso für Aufmerksamkeit, wie die rege Publikation und Patentierung von Ergebnissen vor allem im Bereich der Mobilkommunikation. Inzwischen gibt es von Land und Bund grünes Licht für einen Institutsneubau im Technologiepark. Mit einem hypermodernen Cleanroom versehen, wird das Projekt 128 Millionen Mark kosten. „Wir bauen eine Cessna zum Jagdflugzeug um“, frohlockt Ourmazd und setzt auf die Magnetwirkung des IHP für Investoren.
Grenze ist Trumpf
Bevor der inzwischen gen Westen abgewanderte Profiboxer Henry Maske und mehr noch die jüngste Flutkatastrophe dafür sorgten, daß sich die Existenz eines „zweiten“ Frankfurts in Deutschland herumsprach, beschied vor allem der permanente Grenzstau der Stadt immer wiederkehrende Schlagzeilen. Während die Autobahn zwischen Potsdam und Berliner Ring zur sechsspurigen Tiefflugpiste ausgebaut wurden, ruckelte die LKW-Schlange - nicht selten dreißig und mehr Kilometer lang - auf die Zoll-Terminals in Swiecko zu. Einen effizienten regionalen Güterverkehr wenigstens für die Euroregion Pro Euroopa Viadrina - zu der Frankfurt, die benachbarten Landkreise und die Woyewodschaften Gorzow und Zielona Gora gehören - ist bislang nicht gelungen. Widerstand von verkehrsstreßgeschädigten Bürgerinitiativen in Deutschland und von der Zentralregierung in Warschau haben jegliche Illusionen ebenso vom Tisch gewischt, ebenso wie die Tatsache, daß jede Maßnahme zur Beschleunigung des Transits durch einen neuen Truckeransturm paralysiert wurde. Wer heute ein Joint Venture mit polnischen Partnern begründet, muß die Widernisse mitdenken. Konzepte, die deutsches know how und polnischen Billiglohn vereinen sollen, sind deshalb gerade für den Mittelstand viel schwerer umsetzbar als für Konzernriesen, die im Verbund mit den Banken bereits die westpolnischen Industrieregionen erobern. Investitionen und mithin Steuergelder und Arbeitsplätze ziehen an Frankfurt (Oder) vorbei, künftig vielleicht auch in das geplante polnische Sondersteuergebiet um Küstrin und Slubice herum, das mit extrem günstigen Konditionen Kapital anlocken soll. Karl-Heinz Boßan, Logistiker und Spediteur, scheint Recht zu haben mit seiner Mutmaßung, daß Frankfurt seine Chance deshalb nicht als Tor zum Osten, sondern als Tor zum Westen hat. Das seit Jahren nur stockend vorwärtskommende Projekt eines Europe Trade and Transport Centers an der Autobahn, mit Bahnanschluß, Güterverteilzentrum und Logistikzentrum, könnte immerhin ein Schritt sein, diese Chance zu nutzen.
Frankfurt braucht ein Gesicht
Wer sich für einen anderen interessiert, schaut ihm zumeist erst einmal ins Gesicht. Als Stadt mit einem erheblichen Sanierungsbedarf hat sich Frankfurt (Oder) in den zurückliegenden Jahren gründlich verändert. Die Gesellschaft für Stadterneuerung und die Kommune haben komplexe Sanierungsgebiete geschaffen, in denen jede öffentlicche Mark bis zu fünf Mark privates Kapital in bewegung setzt. Der Wohnungsmarkt ist nahezu gesättigt, das Angebot an Büro- und Einzelhandelsflächen hat die Grenze des Sinnvollen und Profitablen nahezu erreicht. Unter der Kruste bröckelnder Fassaden, die noch die Einschüsse des Krieges zeigten, kam eine Fülle architektonischer Kleinodien zum Vorschein, denen sich auch die Neubebauung anpassen mußte. Altberesinchen als historisches Zentrum, die Fischerstraße als einer der ältesten Straßenzüge und Teile der Innenstadt laden zum Flanieren und Schauen ein. Was noch fehlt, ist ein funktionierendes Stadtzentrum. Für das auf eine Sparte zusammengeschrumpfte Theater und das Staatsorchester wird an Finanzierungsmodellen gebastelt, die der Hochkultur das Überleben sichern sollen. Die freie Szene hat sich ein altes Möbelwerk erobert. Das Kabarett geht lieber jedes Jahr einen Monat lang in die Arbeitslosigkeit, als das Brettl aufzugeben. Die Kleist- Gedenk- und Forschungsstätte bringt bei den im Oktober wieder bevorstehenden Kleist-Festtagen eine aktuelle Dimension von Politik und Dichtung ins Spiel und hat sich einen angemessenen Platz in der internationalen Kleist-Pflege und -Forschung erworben. Museum und Galerie genießen einen guten Ruf über die Region hinaus. Bei näherer Betrachtung zerfallen zwar all diese Einrichtungen und Institutionen in einzelne, zum Teil hart umkämpfte Kultur-Biotope, doch nicht zuletzt die Abgeordneten haben immer wieder ihre Stimme geltend gemacht, um einen Kahlschlag zu verhindern. Im Jahr 2003 will Frankfurt sein 750jähriges Stadtjubiläum feiern, zum 23. Hansetag der Neuzeit einladen und eine Eurogartenschau präsentieren. Es wird noch einiges an Arbeit kosten, daß bis dahin hinter der anmutigen Fassade auch hinreichend wirschaftliche Substanz gestaltet wird.