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Ideen einer Stadt Jubiläumsfeier am Scheitelpunkt



Jubiläumsfeier am Scheitelpunkt

Frankfurt (Oder). Funde aus der Jungbronze- und Früheisenzeit belegen die Besiedlung des heutigen Stadtgebietes in der fernen Vergangenheit. Zu Beginn der neuen Zeitrechnung war die Stadtmark eine germanische Siedlungskammer, später lebten hier Slawen. Die Entwicklung zur Stadt ist den Kaufleuten zu verdanken, die hier den Fluss passierbar fanden. Von dieser Zeit an lief die große Handelsstraße Magdeburg-Posen über Frankfurt und die ehrgeizige Bürgerschaft dem Bischofssitz Lebus allmählich den Rang ab. Die Integration in die Hanse trug dazu bei. Die freie Oderschifffahrt und das Niederlagsrecht, das Kaufleute zwang, ihre Waren mehrere Tage in der Stadt feilzubieten, sorgten für weiteren Aufschwung. Mühlen- und Münzrecht kamen hinzu. Die damals entstandenen Bauwerke zeugen vom Glanz der mit 7000 Einwohnern wichtigsten Handelsmetropole am mittleren und unteren Oderverlauf. 16 umliegende Dörfer erwarben die Frankfurter bis 1399. Die 1506 angesiedelte Universität, zu deren ersten Studenten der Humanist Ulrich von Hutten gehörte, verschaffte der Stadt zusätzliche Bedeutung. 900 Studenten wurden erstimmatrikuliert, eine Rekordzahl für damalige Verhältnisse. Hutten allerdings wandte sich schon nach einem Jahr enttäuscht nach Leipzig ab. 1512 ließen sich nur noch 200 Studenten eintragen, darunter Thomas Müntzer. Rektor Wimpina und Ablassprediger Johann Tetzel machten Frankfurt zu einer Hochburg der Reformatiosgegner. Georgius Sabinus stärkte ab 1539 den Geist des Renaissancehumanismus an der Viadrina. Mit Andreas Musculus kam 1541 nicht nur ein redegewaltiger Prediger, sondern auch ein Erzlutheraner nach Frankfurt.

An wirtschaftlicher Bedeutung verlor Frankfurt allmählich durch die Verlagerung der internationalen Handelswege, aber auch durch das erschlaffende Engagement in der Hanse, aus der die Stadt 1518 endgültig austrat. 1571 sperrte Stettin die Ostseezufahrt für Frankfurter Schiffe. Die Kaufleute setzten vor allem auf den Messestandort und bauten ihn aus. Der 30-jährige Krieg jedoch verheerte die Stadt vollkommen. Die Einwohnerzahl wurde von 13 000 auf 2 300 dezimiert. Erstmals wurde die Stadt am 3. April 1631 gestürmt und geplündert, nachdem Schwedenkönig Gustav Adolfs Heer durch das Gubener Tor - etwa auf Höhe des heutigen Oderturms - eingedrungen war. Im 17. Jahrhundert wurde Frankfurt Garnison. Hugenotten und jüdische Familien siedelten sich an. Nach dem kurfüstlichen Bekenntnis zur reformierten Kirche galt Frankfurt als "Ostbastion des Calvinismus". 1668 fand in Frankfurt die erste Bluttransfusion an einem Menschen in Deutschland statt. Erstmals in Mitteleuropa konnte an der Viadrina ein Jude promovieren. 1715 wurde in der Stadt der erste Talmud in Deutschland in hebräischer Sprache gedruckt. Friedrich I. und II. brauchten Frankfurt vor allem für ihre Soldaten: mehr als 2000 leisteten den 10 000 Frankfurtern Gesellschaft. Die Bedeutung als Handelsplatz hingegen ging noch weiter zurück.

1734 bis 1738 studierte Carl Philipp Emanuel Bach an der Viadrina und wurde Kantor der Marienkirche. Lessings "Miss Sara Sampson" wurde 1755 in Frankfurt uraufgeführt. Unter dem Kommando von Leopold von Braunschweig entstand die Garnisonschule, das heutige Kleist Museum. 1777 wurde Heinrich von Kleist geboren, der wenig über seine Vaterstadt verlauten ließ und sich 1811 das Leben nahm. Die Viadrina zog im gleichen Jahr nach Breslau um. Der Messe war nochmals ein kurzes Aufblühen vergönnt, das Ende des 19. Jahrhunderts endete. Seit 1842 gab es eine Eisenbahnlinie nach Berlin, doch die Industrialisierung ging an der Stadt mit nunmehr 30 000 Einwohnern vorbei. Die Dichter Klabund und Gottfried Benn gingen in Frankfurt auf das Gymnasium. Martin Kießling hinterließ zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge des Ausbaus der Stadt als Eisenbahnknotenpunkt seine architektonischen Spuren. Damals hatte die Stadt bereits mehr Einwohner als heute: 70 000. Die Nationalsozialisten wollten aus Frankfurt eine Gauhauptstadt für die Ostmark machen. Die jüdische Gemeinde wurde vernichtet. Die Stadt fiel in Schutt und Asche. Nach dem Krieg war die Stadt nahezu entvölkert. Die ehemalige Dammvorstadt lag nunmehr in Polen. Slubice entstand. 1951 wurde zwischen der DDR und Polen ein Grenzvertrag geschlossen. Ab 1958 begann mit der Errichtung des Halbleiterwerkes ein monoindustrieller Aufbau. Mehr als 8000 Beschäftigte zählte das Werk. Davon kamen etwa zehn Prozent aus Polen. Das Institut für Halbleiterphysik, nach der Wende neu gegründet und Hoffnungsträger der Region, entstand 1983 als Einrichtung der DDR-Akademie der Wissenschaften.

Der wirtschaftliche Zusammenbruch mit der Wende führte zu einer dramatischen Reduzierung der Geburtenrate und zu einer Massenabwanderung, die auch die Quote der fünfziger Jahre überstieg, als vor dem Mauerbau DDR-Bürger in Scharen das Land verließen. Obwohl die Stadt nahezu 25 000 Einwohner verlor, stieg die Arbeitslosigkeit zeitweise auf über 20 Prozent. Hoffnungszeichen waren die Wiedergründung der Viadrina als Europa-Universität, das Halbleiterinstitut und der Sport - unter anderem dank maßgeblicher Unterstützung durch die Bundeswehr und durch die Erfolge des Wolke-Boxcamps mit Weltmeister Henry Maske. Bei Rettungsversuchen für das Halbleiterwerk setzte die Landesregierung ohne nennenswerten Effekt rund 70 Millionen Mark in den Sand. Das Frankfurter Theater wurde geschleift. Das Kleist Forum errichtet. In den 90-er Jahren gelang es, umfangreiche Sanierungsprojekte und Neubauten zu realisieren. Das kam insbesondere der historischen Gebäudesubstanz einschließlich der Marienkirche zugute. Nach dem Abzug der GUS-Truppen 1994 entstanden im Zuge der Konversion auf vormals militärisch genutzten Flächen zahlreiche Behörden und Verwaltungseinrichtungen. Zugleich verlor Frankfurt seine Bedeutung als Garnison. Von der ins Haus stehenden Osterweiterung der europäischen Union im kommenden Jahr hofft die Stadt wirtschaftlich zu profitieren. Eine strategische Profilierung ist Frankfurt (Oder) bislang nicht gelungen.