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Ideen einer Stadt Jubiläumsfeier am Scheitelpunkt



Frankfurt (Oder)

Frankfurt ist eine Sommer- und eine Sonnenstadt

schrieb der Frankfurter Autor Frank Hammer vor vielen Jahren. "Blätter ab ist hier wie Hose runter." Trotzdem erklärte er mir im letzten Semester nachdrücklich, daß es sich eigentlich nur in Frankfurt (Oder) leben ließe. Weil die Uhren hier anders ticken. Weil alles irgendwie in Frankfurt (Oder) anfängt, auch wenn noch gar keiner merkt, daß es ein Anfang ist. Na schön, sagte ich mir, drei Jahre hast du die liebenswerte Hure Leipzig genossen. Und um sagen zu können "Üsch bün oin Börliner" mußt du nicht Kennedy werden, das bleibt dir eh, also warum nicht Frankfurt? Das war vor fünfzehn Jahren. Heute sage ich: Frankfurt ist die Stadt meines Spagats. Ein Bein in der Hauptstadt. Ein Bein im Oderbruch. So läßt es sich leben.

Die Fluß- und Seenlandschaft schmeichelt dem Wassertier. Das polnische Ufer ist für mich kein Niemandsland mehr. In der Stadt selbst gehe ich gern auf Spurensuche - schon weil die Historie mich nicht umwabert wie im vergoetheten Weimar oder anderswo. Das hat seine Gründe nicht in den Traditionen der Hanse-, Handels- und Messestadt, sondern in der fast vollständigen Zerstörung nicht nur der baulichen Substanz, sondern auch der Bevölkerungsstruktur. Folgen des Kriegs und des Friedens. Nach Frankfurt kam man nicht um Frankfurts willen. Hier blieb man hängen: Auf der Flucht aus dem Osten oder später auf der Flucht vor der Wohnungsnot und weil die Halbleiterelektronik eine Zukunft versprach. 8000 Beschäftigte zählte das Werk. Aber die Zukunft ist manchmal sehr kurz. Seit mindestens zehn Jahren wissen wir das.

Die Chilenen flüstern sich dienstags zu: "Morgen soll angeblich Mittwoch sein." Die Skepsis der Frankfurter ist ähnlich beschaffen. Ihr Stolz ist der eines Mufflons. Was sich in anderen Regionen als liebenswert erweist, mischt sich hier zu einem Gebräu, das die sensible Seele erst einmal verkraften muß. Manche Chefarztgattin ist dem nicht gewachsen. Die preußischen Tugenden ohne die flitzige Dynamik, die norddeutsche Behäbigkeit ohne die zähe Geduld...

Wem das zu mystisch vorkommt, der schaue sich die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt an, diese Chronik der verschlafenen Sonnenaufgänge. Allerdings geht die Sonne auch an kaum einem anderen Ort Deutschlands so zeitig auf. Wie ist das also mit den Anfängen, von denen noch keiner weiß, daß es welche sind? Da fällt auf, was der Unternehmer Bernd Horn einmal sagte, dessen Familie seit 350 Jahren an der Oder lebt: "Wenn es wirklich brannte, waren es die Frankfurter selbst, die sich geholfen haben." Nicht gleich, meistens erst im zweiten oder dritten Anlauf. Ein bißchen Wut mußte sich der Motivation immer schon beimischen, wenn sie bis zum Erfolg reichen sollte. Aber dann...!

So ist es uns mit der Helene gegangen, unserem wunderbaren See, entstanden aus einem stillgelegten Tagebau und heute ein Taucherparadies, ein Schlaraffia für Sonnensucher. Aber auch heruntergekommen, leergesaugt, abgebürstet von Dahergekommenen. Jetzt, nach zehn Jahren Vivisektion, kommt die Braut in unsere Arme zurück. Eine Frankfurter Aktiengesellschaft wird sich um sie kümmern. Hoffentlich sind die Leute wütend genug.Oder das Halbleiterwerk. Potsdam dachte, mit ein paar Kröten kriegen sie den großen Investor hierher. Aber sie kriegten nur Leute, die scharf auf das Fördergeld waren. Siebzig Millionen Mark wurden in den Sand gesetzt. Viel zu lange hielten die Frankfurter still. Dafür sind jetzt zwischen 16 und 18 Prozent arbeitslos - obwohl sich die Bevölkerungszahl seit 1990 bereits um mehr als zehn Prozent verringert hat und nach jüngeren, halbwegs ehrlichen Prognosen noch einmal so viele gehen werden.

Berlin hat seinen Kennedy und hätte ihn eigentlich gar nicht gebraucht. Der Kotau galt einer ohnehin und beidseits der Mauer selbstbewußten Spezies. Frankfurt (Oder) hatte seinen Hans N. Weiler, der kam auch aus den Vereinigten Staaten. Er griff mit jenen, die sich für die Honorationen der Stadt halten, die Idee auf, die alte Viadrina neu zu gründen. Denen, die diese Idee schon vorher hatten, schwebte eine Umwelt-Universität vor, die im Zuge der Transformation ein östlich und westlich der Oder übel vernachlässigtes Feld beackern könnte. Die Universität ist wiedererstanden. Sie bildet heute das Management einer erweiterten Europäischen Union aus und ist so brav konservativ, daß man lange suchen muß, um in Frankfurt Spuren studentischen Geistes und jungakademischer Ungeduld zu finden. Wenn man Glück hat entdeckt man schließlich beides, und zwar bei einigen der Professoren. Oder in den Kneipen des benachbarten Slubice. Aber die Viadrina führt auch junge Menschen aus dreißig Nationen zusammen. Leichtfüßig überspringt sie vermeintliche Grenzen, pflegt den Austausch zwischen den Kontinenten und hat wirklich Brücken geschlagen.

Oder Andreas Billert, der eigentlich gutpolnisch Andrzej heißt und Lübeck auf die Weltdenkmalsliste gebracht hat. Als Stadtsanierer. Bevor er nach Frankfurt kam. Der die Kunst aus den Ruinen auferstehen ließ, eine Geisterbeschwörung, eine irre Utopie damals noch und jetzt, da die Stadtväter und -mütter ihr Theater abgewickelt haben, wieder. Das Stadtgesicht bekam seine Straßen-Züge zurück. Der Anger wurde wieder zum Park. Die innerstädtische Bebauung paßte sich dem historischen Erbe an. Vieles von dem, was schon in der DDR dem Abriß anheimgestellt war, wurde dabei gerettet. Vieles, wofür sich der letzte seines Amtes fähige Ober-Bürgermeister in Frankfurt (Oder), Fritz Krause, an Parteibüros und Volkswirtschafts-Plänen vorbei eingesetzt hatte, konnte fortgesetzt werden. Die Marienkirche - einer der schönsten norddeutschen Sakralbauten - steht dafür.

Oder Abbas Ourmazd, der Amerikaner, der das Institut für Halbleiterphysik übernahm. Die Einrichtung diente zu DDR-Zeiten vorwiegend der Grundlagenforschung und wurde irgendwie immer als Anhängsel des Halbleiterwerkes begriffen. Die Folge: Als das Halbleiterwerk darniederlag, schwand zunächst auch die Aufmerksamkeit für einen Wissenschaftsapparat der Weltklasse. Global Player aus Frankfurt (Oder) - das überstieg die Frankfurter Vorstellungskraft. urmazd Phantasie hielt da mit. Er setzte den Paradigmenwechsel durch: Die anwenderorientierte Wissenschaft ist der Kern. Unter dem Motto "Innovation for High Performance" wurde das IHP neu strukturiert. Heute steht im Technologiepark Ostbrandenburg ein 70-Millionen-Neubau, in dem die erste IHP-Ausgründung, die lesswire AG, sich mit Local Server Systems und der vielfältig anwendbaren blue tooth technologies beschäftigt. Drahtlose Kommunikation in neuen Dimensionen - das ist immer auch ein Erfolg der Frankfurter Wissenschaftler, die übrigens aus anderthalb Dutzend Ländern kommen.

Wenn abgedrehte ZDF-Redakteure die Stadt zum Spielplatz ihrer Schauernachrichten zu machen versuchen, gehören Leute wie Ourmazd zu den ersten, die Frankfurt (Oder) verteidigen. Sie müßten das nicht tun. Aber sie haben keine Lust, von Quotenknechten und Entenbratern Gräben aufreißen zu lassen, die hier gerade am Zuwachsen sind. In solchen Stunden reden sie nicht davon, daß ihre Mitarbeiter in dieser Stadt beschimpft, angespuckt und geschlagen werden - manche so lange, bis sie nach Berlin flüchten. Die Fernsehheinis machen daraus eine Schlagzeile. Es zu ändern, helfen sie nicht. Also muß man hier zusammenkommen, um dem Rassistenpöbel zu zeigen, daß er der Mehrheit keine Angst einjagen kann. Das ist schwer in der Konkurrenzgesellschaft, wo eine Armada von Feiglingen noch immer für vermeintlichen Erfolg steht und ausgerechnet international geächtete Kriegsverbrecher auf die besoffene Glatze mit der Baseball-Keule zeigen. Schwer an einem Ort, wo die wirklich Erfolgreichen, wie Boxweltmeister Henry Maske, ihre Koffer packen, und andere das Schnäppchen suchen auf dem Buckel der Einfältigen.

Wie, zum Teufel, kann man diese Sadt lieben? Gegenfrage: Wie, zum Teufel, kann man Liebe erklären? Das Gefühl, daß jemand mich braucht, mit ihm Genuß und Verantwortung zu teilen, anders werdend den anderen anders werden zu lassen, bis beide sie selber sind. Hätte seine Vaterstadt ihm das geben können, hätte Kleist sich vielleicht nicht erschossen. Frankfurt (Oder) war ihm keine Zeile wert. Vielleicht wäre er trotzdem zum Wannsee gefahren. Es gibt solche, denen auf Erden nicht zu helfen ist, obwohl sie mehr gegeben haben, als sie jemals hätten nehmen können. Das gilt für Menschen. Für Städte gilt: Solange wir in ihnen wohnen, sind sie unsere Gegenwart. Selbst wenn wir fortgehn, kommen sie an den Schuhsohlen mit. Frankfurt ist schwer zu vergessen, und ich bleib wohl hier.

Henry-Martin Klemt, Oktober 2000
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Ideen einer Stadt In Frankfurt (Oder) zu leben, bedeutete den Spagat zwischen dem großstädtischen Siedekessel und der spröde-schönen Landschaft des Oderbruchs. In der Mentalität mischten sich preußische Akuratesse und vorpommersche Behäbigkeit.

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