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Horno

Ein Dorf verschwindet - 2001

Bagger bei Horno

„Wie oft ich an dem Kanten hier schon gestanden habe“, meint jemand. Bis zum Horizont dehnt sich die aufgerissene Erde. Wie stählerne Dinosaurier wirken die Bagger in dieser Landschaft. Sie schweigen. Es ist Sonntag. Aber jeder hier, wenige hundert Meter vom Ortsrand Horno entfernt, weiß, dass der Tagebau sich weiterfrisst. Zweihundert Meter im Jahr. Wenn niemand den Baggern eine neue Richtung gibt, werden sie sich durch das Dorf fressen, und plötzlich macht das neue Wort die Runde: „Bin Laubag“. So weit hergeholt ist das nicht. „It is another kind of terrorism“, meint jemand, und ein Hornoer erinnert an die Kriegsbilder aus Bosnien. „Die Dörfer dort werden wieder aufgebaut. So wie wir Horno wieder aufgebaut haben nach dem Krieg. Nichts davon bleibt. Horno wird nicht mehr auffindbar sein.“ Seit 76 Jahren lebt der Mann in seinem Dorf. Die Begründungen der Abgeordneten, der Gerichte kann er nicht verstehen. „Artikel 39 der Brandenburger Verfassung verspricht den Schutz der Umwelt. Artikel 40 verpflichtet zur Erhaltung der Gewässer und Böden für künftige Generationen. Sie treten das Recht mit Füßen.“ Den Wald haben sie ihm im vergangenen Jahr weggenommen. Vor vier Wochen wurden die drei, vier Hektar von der Laubag abgeholzt. Ungehindert dringt der Lärm des Tagesbaus nun ins Dorf. Keine grüne Sichtblende verdeckt mehr das Elend. Die Holzkloben werden von Lausitzern auf ihre PkW-Anhänger gezerrt. Billiges Brennholz für den Winter spart Kohle. „Der Braunkohleplan sieht die spätestmögliche Inanspruchnahme der Naturräume vor“, erzählt der Mann. „Das interessiert das Landesbergamt nicht. Wir müssen zusehen, wie die Natur stirbt, weil das Wasser verschwindet.“ Viele sehen die Fällung als Racheakt der Laubag an, nachdem im September eine Gruppe Hornoer zu einer Anhörung vor dem schwedischen Reichstag gefahren war. Im Eigentumswechsel der Laubag, die jetzt zum schwedischen Staatsunternehmen Vattenfall gehört, erblicken sie eine letzte Chance, Horno zu retten. Denn Vattenfall baut sein Image auf umwelt-ehtische Prinzipien auf, und was in Horno geschieht, wäre in Schweden seit Jahrzehnten nicht mehr vorstellbar.

Deshalb sind auch Ewa Larsson von den Grünen in Schweden und Sture Arnesson von der Links Party nach Brandenburg gekommen, ist der britische Schriftsteller Michael Gromm wieder vor Ort, der hier eine Verkehrsinsel gekauft und den vermutlich einzigen Ein-Loch-Golfplatz der Welt daraus eingerichtet hat. Was die Abgeordneten sehen, übertrifft ihre düsteren Vorstellungen bei weitem. Rechter Hand wühlen sich die Dampfwolken des Kraftwerks in den Himmel. Auf den Feldwegen liegen die letzten Herbstäpfel. Der Raps blüht noch nach. Rohrschlangen ziehen sich am Feldrain entlang. Frontland. Hinter der Linie, die die Bagger ziehen, fürchten Bergleute um ihre Arbeitsplätze. Davor fürchten sich alte Leute, zu sterben. Denn nicht einmal die Totenruhe ist ihnen gewiß. Der ganze Friedhof soll umgebettet werden. „Dann buddeln sie mich wieder aus. Ich will das nicht“, klagt mancher. Vielleicht ist es das letzte Mal an diesem Sonntag, dass die Hinterbliebenen am Volkstrauertag die unversehrten Gräber ihrer Liebsten besuchen.

Auch die Kirche wird verschwinden. Nur der Turm aus dem 15. Jahrhundert könnte seinen Platz in Neu-Horno finden. „Früher musste ich für jeden Fenstergriff, der an der Kirche gewechselt wurde, die Genehmigung der Denkmalsbehörde einholen. Inzwischen gibt es keinen Denkmalschutz mehr. Jetzt reicht die Dokumentation, dass es das einmal gab.“ Auch die brandenburgische Landessynode hat sich inzwischen mit Horno beschäftigt. Als es in der Hornoer Kirche im letzten Jahr zu kalt wurde, gingen die Mahnandachten in Berlin weiter und die dabei gehaltenen Predigten wurden allen Synodalen zur Verfügung gestellt. Aber ausgerechnet die Kirche will gar kein neues Gotteshaus. „Jetzt ist die Situation so, dass die Laubag Kirche und Gemeindehaus finanzieren will und die Kirche sich dagegen sträubt, weil sie die Baulasten nicht mehr tragen kann und inzwischen Personal abbaut und Gemeinden fusioniert“, berichtet Pfarrerin Dagmar Wellenbrink, die seit 1994 hier ist. Die Laubag sei sogar bereit, die seelsorgerische Begleitung der gesamten Umsiedlung als Sozialprojekt zu finanzieren.

„Mein Dorf wird durch das schwedische Recht vor fremden Investoren geschützt“, erklärt Ewa Larsson. „Die Menschen in Schweden sind verärgert. Man weiß ja, dass viele internationale Unternehmen sich im Ausland wie die Schweine benehmen, aber Vattenfall ist ein Staatsunternehmen. Sogar in der U-Bahn werde ich deshalb angesprochen.“ In zehn Jahren würden sich die Verantwortlichen für ihre Entscheidungen schämen, ist die Politikerin überzeugt, denn das Umweltbewusstsein nimmt zu. Fünf der sieben im schwedischen Parlament vertreten Parteien haben beschlossen, noch in diesem Jahr einen gemeinsamen Antrag im Reichstag einzubringen, dass die Eigentumsbedingungen mit Vattenfall noch einmal diskutiert werden sollen. Nur die Sozialdemokraten und Konervativen sträuben sich dagegen. Doch die Sozialdemkraten mit ihrer Minderheitsregierung sind auf Unterstützung angewiesen, meint Ewa Larsson vieldeutig. Energisch hatte sie Einladungen von Vattenfall und Laubag abgelehnt und war erst dem Ruf der Hornower gefolgt, um bei diesem Besuch auch mit Vertretern der Laubag zu sprechen. Danach soll so schnell wie möglich ein Gespräch mit der Vattenfall-Chefetage folgen. „wir wollen ihnen zu vestehen geben, dass sie hier etwas sehr Schlechtes zu etwas Gutem wenden können, dass es Alternativen gibt. Aber die Zeit wird knapp, und der Antrag allein wird Horno noch nicht retten.“

Der frühere Lehrer Sture Andersson bewundert vor allem, wie die Hornower um ihren Heimatort ringen. „Sie kämpfen, aber sie streiten nicht. Es ist schrecklich, unter welchem Druck die Menschen leben.“ Vattenfall habe allein in den ersten drei Quartalen nahezu eine Milliarde Gewinn eingefahren. „Niemand kann behaupten, dass sie Horno aus ökonomischen Gründen überfahren müssten.“ Auch für ihn wird Horno zunehmend zu einer politischen Frage, bei der es nicht zuletzt um das Image Schweden als eines stark ökologisch orientierten Landes geht. „Wir respektieren das deutsche Recht. Aber auch wenn die Gesetze die Zerstörung von Horno gestatten, sie zwingen niemanden das zu, das zu tun.“

Michael Gromm ist sicher, dass auch dieser Kampf, der seit einen vierte Jahrhundert währt, „auf den letzten Zentimetern entscheiden“ wird. „Die Braunkohleförderung in Deutschalnd ist seit hundert Jahren von einer menschlichen Misere begleitet. Das hat Vattenfall beim Kauf außer acht gelassen. Aber der Druck auf die schwedische Regierung wird wachsen, und wenn sie will, kann sie Vattenfall stoppen.“

Nach dem Besuch der Abgeordneten aus Schweden haben auch die brandenburgischen Grünen die Vattenfall-Chefs aufgefordert, sich vor Ort kundig zu machen. „Wir werden bei Gesprächen mit den Fachministern neue Bewegung auslösen“, versprach Bundestagsabgeordnete Sylvia Voß.
Auch der PDS-Landtagsabgeordnete Andreaas Trunschke sieht mit dem schwedischen Engagement neue Chancen für eine Rettung Hornos. Ortsvorsteher Klaus Richter verweist darauf, dass noch nicht über alle Klagen von Hornower Bürgern entschieden ist. „Es könnte passieren, dass ein Bundesgericht in fünf Jahren feststellt: Horno hätte nicht abgebaggert werden dürfen – das ist doch pervers. Wir sind sehr skeptisch nach Schweden gefahren. Aber die Abgeordneten haben den Kern des Problems sofort begriffen, sie haben gesehen, wie schnell jetzt Hilfe nötig ist.“

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