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Eisenhüttenstadt

Vision, Verfall und Auferstehen

Eisenhüttenstadt und EKO Stahl werden 50 Jahre alt



Alles scheint in bester Ordnung: Stadt und Werk feiern ihr halbhundertjähriges Bestehen. Der oderländische Provinzort und die Tochter der multinational agierenden Unternehmensgruppe Usinor, die zur Spitze des Weltmarktes drängt, bekennen sich zu ihrer wechselseitigen Abhängigkeit. Eine Zweckehe vom ersten Tage an, wenn auch die Vorzeichen gewechselt haben: Eisenhüttenstadt ist EKO Stahl; EKO Stahl ist Eisenhüttenstadt. Und heute wie vor fünfzig Jahren versuchen Firmen-Management und Kommune, modellhafte Strukturen zu entwickeln, die auch für die Perspektive tragfähig sind. Die erste Perspektive hielt 39 Jahre. Welche Dauer der zweiten beschieden sein wird, weiß niemand. Niemand von denen, die fortgegangen sind. Niemand von denen, die blieben.

Seine Existenz verdankt Eisenhüttenstadt der Spaltung Deutschlands. Während die Westzonen nach dem Krieg noch über rund 40 Hochöfen verfügten, waren es im Osten gerade einmal vier. Die Stahllieferungen – vor allem aus dem Ruhrgebiet – sanken von 21 000 Tonnen monatlich im November 1947 auf 8 500 Tonnen im Mai 1948. Nach der Währungsreform im Westen kam der interzonale Warenverkehr völlig zum Erliegen. Im Februar 1950 folgte auf Weisung der Amerikaner ein Embargo, das Stahlieferungen in die gerade gegründete Deutsche Demokratische Republik verbot (1). Nur wenige Monate später erfolgte auf Pfeifers Acker, unweit des kleinen Städtchens Fürstenberg und am Oder-Spree-Kanal gelegen, der erste Axthieb für das Eisenhüttenkombinat Ost und die „erste sozialistische Stadt“, eine „Stadt ohne Vergangenheit“, aber voller Zukunft. Eine „Goldgräberstadt“ nannte sie der Pfarrer ohne Kirche, der seine Schäfchen treppauf, treppab besuchte, bis er wenigstens eine Baracke erhielt (2). Fürstenberg dagegen, 1286 gegründet, hat seine Eigenständigkeit trotz der Eingemeindung 1961 immer zu wahren versucht. Ein Zusammenwachsen mit dem modernen Babel ist bis heute allenfalls optisch erfolgt.

Kohle zu Eisen - Eisen zu Brot

Den sechs zuerst im EKO errichteten Hochöfen folgten bis 1984 das Kaltwalzwerk, die Feuerverzinkung und Kunststoffbeschichtung sowie das Konverterstahlwerk. Mit Eisenerz aus Kriwoi Rog und Hüttenkoks aus Polen sollten sich in Eisenhüttenstadt (1953 bis 1961 Stalinstadt) die Visionen einer sozialistischen Menschengemeinschaft erfüllen, sollte der Beweis angetreten werden, daß neue Verhältnisse einen neuen Menschen bilden: „ein geradezu historischer, fast shakespeare´scher Epochenknall auf engstem Raum, der endgültig das alte Brandenburg entrümpeln und es zur modernen Industrieregion erhöhen sollte“ (3). Bücher und Kantaten, denen es nicht an pathetischem Aufbaupathos fehlte, begleiteten den Weg von der Werksiedlung zur Stadt, die am Reißbrett für 30 000 Menschen geplant worden war.

Zu den ersten Bewohnern und jüngsten Mitgliedern der Betriebssportgemeinschaft „Stahl“ gehörte übrigens Tamara Bunke, Tochter argentinischer Kommunisten und spätere Kampfgefährtin von Ernesto Che Guevara, die 1967 in Bolivien ermordet wurde und erst vor zwei Jahren in Santa Clara beigesetzt werden konnte. Sie lebte von 1952 bis 1961 in Eisenhüttenstadt.

Kino und Freilichtbühne, Kultur- und Kaufhaus, ein Zoo, der sich dank zahlreicher Spenden erhalten ließ, eine werkseigene Galerie mit heute beträchtlichem Fundus, Bibliothek, Hotel, Handel und Gastronomie zielten auf volkseigene Großzügigkeit und waren noch nicht zum verquaderten Beiwerk aus den Budgetresten des Wohnungsbauprogramms verkommen. Die Karees mit ihren grünen Höfen im mittlerweile denkmalgeschützten Stadtkern, die vergleichsweise großen und komfortablen Wohnungen und die herausragende Bedeutung, die Eisenhüttenstadt der funktionalen und ästhetischen Struktur des öffentlichen Raumes – Kunst inklusive – beimaß, lassen die ersten Wohnkomplexe noch heute als Materialisierung eines zukunftsorientierten Gesellschaftsbildes wirken, in dem der Mensch kein geknechtetes und verächtliches Wesen mehr sein sollte.

Damit war freilich zugleich der Maßstab gesetzt, unter dem sich die später entstandenen Wohnsiedlungen und Schlafghettos betrachten lassen. Sie zeigen den allmählichen Verfall des gesellschaftlichen Anspruchs. Zugleich stehen sie als Zeugnis für den Niedergang der ökonomischen Potenz unter dem Diktat einer Administration, die im Interesse persönlicher Macht die Entwicklung der Produktivkräfte bis hin zum Systemzusammenbruch hemmte. Es lag deshalb nahe, daß sich das „Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR“ nach der gesellschaftlichen Transformation allen Schwierigkeiten zum Trotz in Eisenhüttenstadt etablierte. Andreas Ludwig, begnadeter Wissenschaftler und Organisator, aber auch als „Ostalgiker“ beargwöhnter Sammler sozialistischer Relikte, hat das in einer ehemaligen Kindertagesstätte untergebrachte Zentrum inzwischen dank zahlloser Schenkungen sowie diverser ehrenamtlicher und ABM-Helfer zu einer Institution nationalen Ranges gemacht.

Auch ein aus vormals babylonischem Gewirr geborenes Selbstbewußtsein machte sich nach der Transformation bemerkbar. Die Stahlkocher verteidigten ihren Betrieb gegen die Abwicklung, wobei Kampfgebärden und Demutsgesten fast fünf Jahre lang wechselten. Die Situation ließ zuweilen an 1953 denken, als sich die Stahlwerker den - je nach Betrachter - Schimpf- und Ehrennamen „Rote Hochöfner“ einhandelten, weil mit ihnen nicht gut streiken war. Mitte der 90er Jahre hatte der Konzern Cockerill Sambre den Betrieb endlich erfolgreich in Privathand zurückgeführt. Im letzten Jahr schrieb EKO Stahl mit 2,2 Millionen Tonnen Stahl- und Roheisenproduktion sowie knapp 1,3 Millionen Tonnen Flachstahl schwarze Zahlen. „Eine Punktlandung“, wie Hans-Peter Neumann von der EKO-Geschäftsführung es nennt.

Von 12 000 Beschäftigten sind nach der Transformation mehr als 2000 geblieben. Diverse Firmen-Ausgründungen wurden durch die EKO-Mutter begleitet, bis sie allein laufen konnten, und inzwischen steigt die Beschäftigtenzahl bei EKO-Stahl wieder Richtung 3000 – das ist an keinem anderen Stahlstandort Deutschlands der Fall. Mit dem neuen Warmwalzwerk und einer zweitenVerzinkungsanlage wurde die technologische Linie bei EKO Stahl geschlossen und Kurs auf ein neues Image für den „Hightech-Werkstoff Stahl“ genommen. 1,3 Milliarden Mark an Investitionen flossen dafür nach Eisenhüttenstadt. Der Blick von EKO Stahl ist inzwischen auch auf künftige EU-Partner in Ost-Europa gerichtet.


Fit fürs Jahrhundert

Nicht nur Arbeitsplätze wurden damit in Eisenhüttenstadt gesichert, sondern auch städtische Identität – im Unterschied zum benachbarten Frankfurt (Oder), wo Hoffen und Harren die 8000 Halbleiterwerker zum Narren hielt und die Landesregierung 70 Millionen Mark kostete – ohne nennenswerten Erfolg. Weder Europa-Universität noch das zur Weltspitze gehörende Institut für Halbleiterphysik konnten sich bislang als Medizin gegen mufflige Stimmung durchsetzen. Bürgermeister Rainer Werner (SPD) in Eisenhüttenstadt kann sich hingegen auf den Sponsor und Wirtschaftsmotor EKO Stahl stützen, selbst wenn das Kleingedruckte seiner Bilanz sich kaum von anderen Städten der Region unterscheidet. Die Bevölkerungszahl stürzte von fast 52 000 im Jahr 1986 auf gut 43 000 im vergangenen Jahr ab. Die Arbeitslosenquote kletterte auf 18 Prozent. Jede zehnte Wohnung steht leer, obwohl die ersten Plattenquartiere bereits gesprengt wurden.

Trotzdem sei Eisenhüttenstadt „fit für das 21. Jahrhundert“, betont Rainer Werner. Er setzt auf das Prinzip des Public-Private-Partnership bei öffentlichen Investititonen und hat damit augenscheinlich Erfolg. Gerade wurde im Lindenzentrum – dem früheren „Magnet“-Kaufhaus – die neue Stadtbibliothek eröffnet. Bis zum Sommer soll eine neue Mehrzweckhalle als EKO-Geschenk Entlastung für die Sportvereine der Stadt schaffen. Die Standard-Schwimmhalle hat sich zum Spaßbad gemausert. 2000 Wohnungen im Stadtkern wurden saniert. In den Diehlower Bergen entstand eine Kunstschnee-Anlage. Der Flugplatz Pohlitz ist nur einen Katzensprung entfernt. Als zweiter Industriezweig soll nun ein komplettes Autorecycling-Zentrum in Eisenhüttenstadt etabliert werden – auch um das Erbe der industriellen Monostruktur nachhaltig zu überwinden.

Im Fest-Programm des Jubiläumsjahres halten sich die Schwerpunkte Stadt und EKO die Waage. Fachtagung und Mitarbeitergala, Tanzwoche und Festakt, Tag der offenen Tür bei EKO-Stahl und Volksfest in der City, Unternehmerabend und Recyclingkonferenz, Tag der Gegenwartsliteratur und endlich das große Event zur Jahrstausendwende am 31. Dezember. „Wir haben alle Voraussetzungen für das neue Europa. Im gemeinsamen Wirtschaftsraum mit Frankfurt (Oder) sind wir als Region konkurrenzfähig. Für Neuansiedlungen, die wir mit dem Investor Center Ostbrandenburg forcieren, steht ausreichend Fläche zur Verfügung“, so der Bürgermeister. „Was noch fehlt, ist eine weitere Oderbrücke, wie sie in Fürstenberg einmal vorhanden war.“

Vergleiche Jenny Richter/Heike Förster/Ulrich Lakemann „Stalinstadt – Eisenhüttenstadt / Von der Utopie zur Gegenwart – Wandel industrieller, regionaler und sozialer Strukturen in Eisenhüttenstadt“ Schüren/Hans Böckler Stiftung, 1997Vegrleiche Lutz Niethammer „Die volkseigene Erfahrung – Eine Archäologie des Lebens in der Industrieprovinz der DDR“ Rowohlt Berlin,1991Vergleiche Tilo Köhler, „Kohle zu Eisen – Eisen zu Brot / Die Stalinstadt“, Transit, 1994

EISENHÜTTENSTADT HAT SEINE GESCHICHTE NOCH VOR SICH

Der Rosenhügel am Rand von Eisenhüttenstadt bietet noch immer einen der besten Ausblicke auf das EKO. Hier haben Aufbaumaler einst vorzugsweise ihre Stafellei aufgestellt. Inzwischen sind Bäume in den Blick gewachsen und der frühere Stolz der Stadt kümmert vor sich hin. Die prächtigen Rosenbeete, die an den Wochenenden scharenweise die Familien hierher und zu den nahen Goldfischteichen lockten, sind gerad noch zu ahnen. Die Sammlung reizvoller Plastiken – Eisenhüttenstadt gehört zu den großzügigsten Kommunen, wenn es um Kunst im öffentlichen Raum geht – stehen etwas verloren auf der von Wildwuchs beherrschten Wiese. Irgendwie hat das Geburtstagsgeld dann doch nicht mehr gereicht, oder die ABM-Stellen für die Gartenpflege sind ausgelaufen. Wo die Stadtgärtnerei stand, glänzt eine neue Wohnanlage.

WIE JAHRESRINGE – TRAUM
UND ERNÜCHTERUNG

Wer nun, von Diehlo kommend, auf Enttäuschung eingestellt, in die Stadt hinuntergeht, wird bald schon angenehm überrascht. Am Fließ blüht es wie ehedem. Das Zentrum wird lediglich durch die kleinteiligen und teilweise leerstehenden Kaufpavillons verschandelt. Der Stadtkern steht unter Denkmalschutz. Mit gutem Recht, denn die Wohngevierte mit ihrer Architektur zwischen Bauhaus und stalinistischer Zuckerbäckerei, üppig begrünt, großenteils saniert und mit modernen Heizungen ausgestattet, bieten nicht nur erheblichen Komfort, sondern bezeichnen den Anfang eines Traums, der sich in Eisenhüttenstadt ablesen läßt.

Von innen zur Peripherie, wie Jahresringe: die Hoffnung, der Verschleiß, das Verkommen. Die Plattenslums hinter dem auferstandenen Fürstenberg und anderswo: der letzte Rest. Leerstand wie überall in Brandenburg. Arbeitslosigkeit wie anderswo auch. Und dennoch eine andere Atmosphäre, die über mehr Unterfutter verfügt als nur den über die Zeiten getragenen Mythos von den roten Hochöfnern, der Jugendbrigade, die am 13. Juni 1953 ihre Sinteranlage vor aufgebrachten Bauarbeiter schützte oder von Ché Guevaras späterer Mitkämpferin Tamara Bunke, die ihre Oberschule am liebsten mit der Kleinkaliber-Mpi aus der GST-Waffenkammer gegen die Konterrevolution verteidigt hätte (nachzulesen in „Spurensicherung, Zeitzeugen zum 17. Juni 1953“, GNN Verlag).

Vor dem Werktor steht eine schwarze Bramme mit weißer Aufschrift: „Dieser Stahl wurde hier gekocht. So wird es bleiben.“ Manche haben die Rocknummer noch im Ohr, mit der die IG Metall mobil machte, als EKO nach der Wende geschleift werden sollte: „Gute Maloche für gutes Geld, keine Geisterstadt am Arsch der Welt.“ Während sich die Mikroelektroniker im benachbarten Frankfurt (Oder) mit Schafsgeduld einlullen und abwickeln ließen, wehrten die Stahlkumpel sich mit Erfolg gegen dieses Schicksal. Der Aufsteller unweit des Rathauses, früher mit Parteitagskampfzielen bestückt, verkündet heute: EKO – die europäische Flachstahlmarke. Die französische Usinor-Gruppe gehört zu den mächtigsten Weltkonzernen der Branche, und die EKO Stahl AG ist die einzige Eisenbude in Deutschland, deren Belegschaft derzeit wächst. Auf über ein Viertel des früheren Bestandes.

EIN MONSTER UND
EIN HARTER KNOCHEN

„Viele Arbeitsplätze waren nicht zu halten. Die Technik heute ist eine ganz andere“, meint einer, der es wissen muß. Manfred Drodowski ist dem Werk fast ein halbes Jahrhundert verbunden. Davon war er mehr als zehn Jahre Generaldirektor des Kombinates, bis er über die Machtgier und Herrschsucht Günter Mittags stolperte. „Wenn man nicht an Selbstverachtung eingehen oder sich, wie ein anderer Kombinatschef, erschießen wollte, mußte man irgendwann einen Strich ziehen. Ich war der siebente Kombinatschef, der das tat, und bin noch immer stolz darauf, daß ich den Mut zur Konsequenz hatte. Mittag war ein Monster.“

Drodowski selbst galt als „harter Knochen“ unter den Arbeitern, aber er verlangte nichts, was er sich nicht selber zugemutet hätte. 1952 begann er mit seinem praktischen Jahr als Schmelzer, später studierte und promovierte er zum Doktor-Ingenieur, wurde mit 32 Jahren technischer Direktor des EKO und stieg bis zum Generaldirektor des Kombinats mit 28 000 Beschäftigten auf. „Was ich 1945 in der Kesselschlacht bei Halbe erlebt hatte, in die unsere Familie auf der Flucht geriet, die Straßengräben voller Leichen, das hat mich für den Rest des Lebens geprägt“, bekennt der 66jährige. „Nie wieder Krieg und ein besseres Leben für die, die so viel leiden mußten.“

Die Schwimmhalle in Eisenhüttenstadt baute das EKO Anfang der 80er Jahre mit dem Wohnungsbaukombinat zusammen an jeder Volkswirtschaftsplanung und am Neid der Bezirksstadt Frankfurt (Oder) vorbei. „Das schlimmste für die war, daß wir eine 50-Meter-Bahn hatten und sie nur eine von 25 Metern. Damit unsere Halle nicht auch noch für Schwimmwettkämpfe zugelassen werden kann, mußte ich mit dem Rotstift eine Schräge einzeichnen, die die dafür notwendige Beckentiefe unterschritt.“ Die Fußgängerbrücke an der Insel, dem beliebten innerstädtischen Ausflugsziel, ist auf ähnliche Weise entstanden. Fast wäre sie zerlegt und nach Frankfurt (Oder) „verschleppt“ worden. „Ich wurde jedes Mal abgemahnt, aber hier entstand ein Stück Lebensqualität“, erinnert sich Drodowski.

ZWILLINGSPAAR HÄLT
DIE FAMILIE ZUSAMMEN

Inzwischen ist die Schwimmhalle zum Spaßbad ausgewachsen. In Sichtweise ist eine Mehrzweckhalle entstanden: Das Geburtstagsgeschenk des EKO zum 50. Stadt- und Werksjubiläum. Wer den Tiergarten besucht, findet in dessen Sponsorenliste ein Who is Who der mittelständischen Wirtschaft. Noch immer gibt es die umfangreiche Kunstgalerie des EKO, und wo einst das „Magnet“-Kaufhaus stand, lädt unter anderem eine hochmoderne Stadtbibliothek ein. Während das alte Friedrich-Wolf-Theater weiterhin Unterhaltung bietet, hat ein Filmpalast mit neuestem Equipment seine Pforten geöffnet. Den schlimmsten Bausünden des Spätsozialismus hingegen ging es mit Dynamit an den Kragen. Das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR leistet eine soziologische Forschungs- und Museumsarbeit, die Widerhall weit über die Region hinaus findet. Die Etablierung eines Vollrecyclingzentrums für die Autoindustrie soll den Wirtschaftsstandort ebenso nach vorn bringen, wie die Kooperation im Rahmen einer Stahl-Silizium-Gemeinschaft in Ostbrandenburg. Das EKO selbst verfügt inzwischen über eine geschlossene Produktions- und Veredelungskette – sehr zum Leidwesen der rheinischen Konkurrenz, die bis zur Fertigstellung des Warmwalzwerkes vor einigen Jahren zumindest als Dienstleister noch von Hüttenstadt profitierte.

„Von Anfang an war es so, daß das Werk und die Stadt sich wie eine Familie entwickelten. Natürlich nahm mit dem Wachstum auch die Entfremdung zu, aber die Verbundenheit vor allem in der Anfangsgeneration ist geblieben. Ein ungeheures Solidaritätsgefühl“, freut sich Drodowski, dem nach eigenem Bekunden auch heute noch keiner in der Stadt aus dem Weg geht. Auch vor seinen westlichen Partnern brauchte der „General“ sich nie zu verstecken. „Vielleicht, weil die Wirtschaftsbosse meiner Generation die Kriegs- und Nachkriegserfahrung teilen und daraus Schlußfolgerungen für ihr persönliches Handeln zogen.“

Natürlich habe es solche und solche gegeben, aber gern erinnert der Ex-General sich an den Moment, als er mit der Salzgitter AG nach einer Stahlwerkshavarie den Vertrag über die Lieferung von Blechen unterschrieb: Auf einem Bierdeckel. „Aber die kriegten ihr Geld und wir unser Blech.“ Schließlich war EKO Alleinversorger von Auto- und Hausgeräteproduktion. Kein PKW Wartburg, kein LKW W50, kein Kühlschrank, keine Waschmaschine ohne EKO. „Wir waren immer Mode, und jeder hauptamtliche SED-Funktionär kreisaufwärts glaubte es besser zu wissen als wir“, meint Drodowski. Die Schikanen gingen so weit, daß er allmorgendlich um fünf Uhr beim Minister rapportieren mußte. „Rief ich eine Minute früher an, hieß es: Wie können Sie es wagen, mich zu wecken. Und eine Minute zu spät: Sie kennen wohl die Uhr nicht?“

Dann weist Drodowski auf ein Hochhaus, wo einer der alten Hochöfner wohnte. „Der guckte mit dem Fernglas direkt aufs Werk, und wenn an seinem Ofen was nicht lief, war er am Telefon.“ Obwohl er von keinem Politbüro zusammengebrüllt wurde. „Wir hatten solide ausgebildete Fachkräfte, die mit dem, was ihre Hände geschaffen hatten, verwachsen und stolz darauf waren. Es stimmt: Die Arbeitsintensität war niedriger. Bei Personaleinstellungen gab es auch einen sozialen Auftrag, etwa die Integration Haftentlassener. Aber wofür arbeiten wir eigentlich? Nur fürs Geld? Welche Rolle spielt der Mensch in disem Prozeß? Für uns waren das wichtige Fragen.“

Die Zukunft von EKO und auch von einer Reihe ausgegründeter Unternehmen scheint auf absehbare Zeit gesichert. Eisenhüttenstadt besitzt einen rauhen Charme und etwas, worum die Stadt von anderen beneidet wird: Identität. Die gerade ein halbes Jahrhundert alt Gewordene hat ihre Geschichte noch vor sich.
(c) Henry-Martin Klemt