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Masuren 1995

Schon im Frühjahr hatten wir unsere erste Reise ins Land der Galinder, des heidnischen Gewittergottes Perkun und seines für Liebe und Leid zuständigen Kollegen Pikoll unternommen. Durch Thorun, wo eine mächtige Stahlbrücke über die Wilna stößt - die weiland auch der Deutsche Ritterorden zwecks Christianisierung der widerspenstigen Pruzzen überschritt - waren wir in die Masuren gekommen. 3000 Seen verspricht der Reiseführer, Fisch und Wald und Wild. Wir sahen blühende Wiesen, wie wir sie aus den Bilderbüchern der Kindheit erinnerten. Die grünen Tunnel der Alleen schienen uns vertraut aus dem heimischen Brandenburg. Der Verfall in den Dörfern glich den Notstandsgebieten in Uckermark und Prignitz. Doch angesichts immer neuer Bilder ließen wir bald ab von der unseligen Gewohnheit des Vergleichens.

Auf dem Platz des polnischen Campingverbandes PTTK in Piecki hatten wir beim ersten Besuch ein freundliches Hotelzimmer gefunden. Für unser Auto wurde uns eine Garage angeboten, weil das Tor in der Vorsaison noch nicht allabendlich verschlossen wird. Die Chefin des Platzes, Maria, erwies sich als ebenso robuste wie freundliche Frau. Ihre Mutter, Walentyna Dermacka, hat in Piecki ein Museum eingerichtet. Ehering und Familienschmuck versetzte sie, um in den letzten dreißig Jahren eine einzigartige Sammlung von Holz-, Lehm- und Tonfiguren zusammenzutragen, in denen sich die Kultur der Masuren widerspiegelt. Geistliche und weltliche Motive, die Entstehung des Brotes und der Segen des Wassers haben in den Werken regionaler Künstler Ausdruck gefunden. Die schwerbehinderte 60jährige empfing uns im Bett, während das Fernsehen die Ehrung der ermordeten polnischen Offiziere aus Katyn übertrug.
Ein älteres deutsches Ehepaar kümmert sich in jeder Saison etliche Wochen um die an den Rollstuhl gefesselte Kunstsammlerin. Seit vielen Jahren schon. Diesmal wollten sie der Familie mit einem alten, garagengepflegten Wagen eine Freude machen. Ein wenig traurig zeigten sie uns das Schmuckstück. Vor mehr als zehn Jahren gebaut, hat es keine Chance, legal in Polen zugelassen zu werden. Sicher könnte man die Papiere frisieren lassen, doch der Preis dafür liegt über dem Wert des Autos, und weder die Dermackas noch ihre deutschen Freunde würden sich deshalb strafbar machen.
An all das erinnerten wir uns, als wir nun in den heißen masurischen Sommer fuhren. Erst vor kurzem waren in Frankfurt(Oder) 250 Polen als angeblich illegal Beschäftigte von Ausländerbehörde und BGS in einer Fabrikhalle zusammengetrieben, stundenlang festgehalten, schikaniert und schließlich ausgewiesen worden. Unter dem politischen Druck des Nachbarlandes machten die Behörden einen Rückzieher. Wirkliche Konsequenzen gab es nicht, geschweige, daß jemand die Verantwortung übernommen hätte. Wäre gleiches auch bei unseren Gastgebern denkbar?

Diesmal werden wir von Freunden begleitet, mit denen wir eine kleine Finnhütte gemietet haben. Eigentlich ist sie nur für drei Personen gedacht, aber so wie viele polnische Familien hofften wir, auch zu fünft darin Platz zu finden. Als wir um Mitternacht in Piecki ankommen, erwartet uns Maria am verschlossenen Tor. Aus einer Finnhütte sind zwei geworden, wenigstens für diese Nacht. „Anstrengende Fahrt“, sagt Maria: „Erst einmal schlafen. Maria kümmert sich. Morgen werden wir sehn.“
Unsere Unterkünfte stammen aus den 70er Jahren. Sie sind handgezimmert, verfügen über eine eigene Toilette und eine Kochnische. Durch die Ritzen finden Insekten ihren Weg ins Licht. Es riecht nach Kiefernwald und See. Die Anlage, zu der auch ein Hotel, Zelt- und Caravanplätze gehören, ein Restaurant und eine Nachtbar, bietet genug Raum, um nirgends das Gefühl von Enge aufkommen zu lassen.
Für Bogdan, den Kneiper, der seine Gastronomieerfahrungen in Frankfurt am Main gesammelt hat, haben wir ein paar Flaschen Radeberger Bier mitgebracht. Jetzt in der Hochsaison hilft seine Frau ihm im Restaurant. So kann sie ihren Urlaub mit ihm verbringen. Nach 18 Jahren Arbeit als Krankenschwester in der Radiologie des Spitals von Mragowo verdient sie weniger als eine Aushilfskellnerin bei Bogdan: rund 350 Mark. In einer Region, wo jeder Dritte arbeitslos ist, gilt dies schon als viel.
Bogdan hat für das Restaurant ein neues Warenregal und eine Kühltruhe angeschafft. Der Tresen ist Handarbeit, von ihm selbst gebeizt und poliert. „Ökologisch“, wie er betont. Wird eine Reisegruppe erwartet, bricht Streß in der kleinen Küche aus. Deutsche sind gern gesehen, sie bleiben länger sitzen und trinken auch einiges. „Küche kostet Strom, drei Leute arbeiten, Essen bringt nicht viel. Bier brauche ich bloß aus dem Kühlschrank zu nehmen“, meint Bogdan. Bei 100 Prozent Aufschlag - der halbe Liter Pils kostet keine zwei Mark - ein gutes Geschäft. Trotzdem ärgert es Bogdan, daß der Laden nur gepachtet, viel zuviel Miete zu zahlen und die Saison mit zwei Monaten viel zu kurz ist. In den nächsten Tagen wird er einen Vertrag bei einer Ladenkette für Elektroartikel unterschreiben. „Gute Firma“, beteuert er, während der Wodka in die vorgekühlten Gläser fließt.
Natürlich können wir die zweite Finnhütte behalten. Auf der Karte studieren wir die Ausflugsziele. Kaum eine Autostunde entfernt liegt die Wolfsschanze, wo 1944 das Attentat auf Hitler scheiterte. Wir veralbern uns selbst als Bunkertouristen und machen uns dennoch auf den Weg. Plötzlich bricht Geschichte als monströse Hinterlassenschaft in die Idylle ein. Ein stummer Zweikampf zwischen Natur und gesprengtem Beton lockt Besucher zu Tausenden an. Der Zutritt zu den Grüften ist verboten. Gruseliger Kitzel, trotzdem unter schiefen, tropfenden Decken durch die Pfützen zu stapfen, die Namen der Tyrannen mit polnischem Akzent zu hören: Bormann, Göring, Hitler. Ein Zoo ohne Tiere, und am Eingang gibt es Gartenzwerge, Kunststoff-Schäferhunde und Milka-Kühe. An manchen Wänden haben sich Pilger aus der heimischen Naziszene verewigt. Unser Sohn indessen hat plötzlich fast 40 Grad Fieber. Statt zu Burgen und Schlössern fahren wir nach Mragowo zum Arzt.

Im Spital warten wir, den Siebenjährigen auf dem Arm, nur Minuten, bis wir zu einem Arzt geführt werden. Er spricht unsere Sprache, hat lange in der Schweiz gearbeitet. Seine Kollegin, eine Mittfünzigerin mit gütigen Augen, diagnostiziert eine schwere Angina. Ohne Auslandsversicherung müssen wir die Kosten für die Behandlung selber tragen. Für die Konsultation bezahlen wir umgerechnet 13 Mark. In der Apotheke steht eine lange Schlange. Das Antibiotikum ist in Großbritannien hergestellt. Aber es schlägt lange nicht an. In der Nacht kämpfen wir gegen das Fieber und das Erbrechen des Kindes. Jeder auf dem Platz scheint von unserem Pech zu wissen. Wohin wir kommen, ernten wir tröstende Worte. Anderentags fahren wir zurück ins Spital.
Der gleiche Arzt bittet mich in sein Zimmer, sperrt die Tür vor der Frau und dem kranken Kind zu. In der Mitte des kargen Raumes steht eine alte eiserne Krankentrage. Ich sehe zwei schwarze Füße, darüber weiße Tücher und eine offene Wunde, an der der Doktor näht. Nachdem ich ihm erzählt habe, daß der Junge nichts bei sich behält, will er das Kind dabehalten. „Wir müssen ihm Flüssigkeit zuführen, anderthalb Liter. Das wird bis zum Abend dauern.“
Im Nachbarzimmer stehen zwei Betten, getrennt durch eine spanische Wand. Der Junge wird an den Tropf angeschlossen. Seine Mutter darf bei ihm bleiben. Zweimal wechseln auf der anderen Seite die Patienten. So oft es geht, schaut eine Schwester nach dem Kind, redet ihm zu, lächelt, wenn der Junge „Dziekuje“ sagt. Gegen zweiundzwanzig Uhr dürfen wir mit ihm zurückfahren. Im Flur bittet ein in deutscher Sprache verfaßter Aufruf um Spenden. Eine Wandzeitung der Gewerkschaft Solidarität zeigt anhand einer Statistik den Niedergang des polnischen Gesundheitswesens und mahnt zum Bürgerprotest.

Der Arzt und seine Kollegin sind froh, ihren kleinen Patienten am nächsten Morgen wieder bei Kräften zu sehen. „Ich denke, diesmal machen wir keine Rechnung“, sagt der Doktor. Als ich ihn an die Behandlung vom Vortag, die Infusion und die Laboruntersuchungen erinnere, führt er mich in die Rezeption. Auf der Preisliste des Krankenhauses stehen drei- und vierstellige Beträge neuer Zloty. Doch auf der Rechnung erscheinen nur eine Konsultation und ein Bruchteil der Medikamente. Bogdans Frau will für den Jungen Tee und eine Suppe kochen. Das Kind schläft in dieser Nacht erschöpft ein.
Auf unsere Freunde warten wir vergeblich. Sie haben eine kleine besucht, wo es Salat aus dem Garten und selbstgefangenen Fisch in Riesenportionen gibt. Als sie auf das Grundstück abbiegen wollen, werden sie von einem polnischen Wagen überholt, der den Kotflügel aufreißt und die Achse aus ihrer Aufhängung bricht. Ein Fremdenführer holt die beiden auf Marias Bitte hin mit seinem Auto ab. Bevor das Unfallauto nächsten tags abgeschleppt werden kann, verschwinden noch Typenschilder und Blinklichter, Tankdeckel und Ölverschluß.

Unsere Freunde versuchen mit ihrem Automobilklub und dessen Partnern zu telefonieren. Doch in Piecki gibt es noch Handvermittlung und wenn es, wie jetzt, gewittert, kommt kaum eine Verbindung zustande. Auch der Strom fällt immermal für ein paar Minuten aus. Vom elf Kilometer entfernten Mragowo kann man mit Karten telefonieren, steht dafür aber lange in den Schlangen vor den wenigen Apparaten. Wir haben wenig Chancen, mit der deutschen, holländischen und polnischen Bürokratie fertig zu werden. An die Dampferfahrt auf dem Spirdings-See, dem Meer der Masuren, ist nicht mehr zu denken. Im Frühjahr war sie, auf einem in Mikolaijki gemeinsam mit anderen Touristen für zwei Stunden und 100 Mark privat gecharterten Schiffchen, unser schönstes Erlebnis gewesen.

Schon bei unserer Ankunft hatte ich mir einen Angelschein für den See unmittelbar an unserem Campingplatz geholt. Zum ersten Mal packe ich meine Angelausrüstung aus. Es ist, als ginge der Wind durch mich hindurch. Im Rücken verschwindet die Sonne. Von Barsch zu Barsch sind es immer nur ein paar Schluck aus der Rotweinflasche. Dann lande ich meinen ersten Aal. Ein Prachtexemplar. Beim nächsten Biß ist der Haken samt Vorfach verschwunden. Dann spüre ich den Fisch, aber wieder verschwindet er samt Schnur. Der zweite Aal tröstet kaum. Nachdem ich den dritten Haken eingebüßt habe, entscheide ich mich für ein Stahlvorfach. Ein Zander wird es verschmähen. Nicht so der Hecht. Er zieht ab ins Schilf und liefert mir einen langen Kampf, bei dem mir überdies meine des Fischens unkundigen Freunde zusehen. Anglerparadies. Schließlich macht der Hecht sich davon und wir haben Gesprächsstoff für die Nacht.

Bogdans Frau hat die Suppe gekocht und den Tee. Maria hat das Unmögliche möglich gemacht: Wir können den Aufenthalt um zwei Tage verlängern. Ein riesiges Hotelzimmer, in das wahrhaftig mehr als drei Personen fassen, ist für uns frei. Wenn es gewittert, tropft der Regen durch die Decke. Das ist bei vielen Zimmern so. Die Möbel und Betten sind so plaziert, daß sie trocken bleiben. Das Auto unserer Freunde steht bei Warschau in einer Werkstatt und irgendwie müssen wir unser Gepäck nach Hause schaffen. Aber die Möglichkeit, irgendwo ein Auto zu mieten und es jenseits der Grenze abzugeben, gibt es hier nicht. Die großen Verleihfirmen haben ihren Service eingeschränkt, um sich vor Diebstahl zu schützen. Ein Wagen mit Fahrer kostet umgerechnet fast fünfhundert Mark. „Ich habe eine Idee“, sagt eine junge Frau. „Ein Bekannter von mir könnte sie für 300 Mark fahren.“ Unsere Skepsis deutet sie richtig. „Wir kommen morgen zu ihnen, Sie sehen sich das Auto an und wir besprechen alles.“

Unserem Sohn geht es sichtlich besser. So bleibt uns Zeit für einen Ausflug an die Krutyna. In Krutyn, vor der ehemals staatlichen Versorgungseinrichtung, steht der gleiche Bärtige Abwerber wie im Frühjahr. Versucht ein Gast das Restaurant zu betreten, erklärt er ihm, daß es bei „Magda“, in einer nahegelegenen Nebenstraße viel besseres, viel billigeres Essen gibt und außerdem Boote und eine Pension. Diesmal muß er uns nicht bekehren. Das vermutlich beste Bigos Ostpolens hatten wir schon im Juni genossen. Zuerst aber wollen wir uns auf dem oft mit dem Spreewald verglichenen Flüßchen staken lassen. Die Kähne fallen hier etwas kleiner aus. Dafür ist das Wasser glasklar und in seiner schnellen Strömungen planschen unentwegt Plötze und Barsche, die von wadezeigenden Anglern am und im Wasser verfolgt werden. Blaue Libellen schwirren, der Kahnfahrer vergießt Liter von Schweiß gegen die Strömung, obwohl es bereits Abend ist, und zeigt auf einen schwarzen Nerz am Ufer, der sich flugs außer Reichweite unserer Fotoobjektive bringt. Das Tempo, mit dem Gewitter in dieser Gegend heraufziehen und sich entladen, haben wir bereits mehrfach erlebt. Obwohl der Kahnfahrer die Tour um eine viertel Stunde kürzt, kommen wir durchnäßt bei „Magda“ an, wobei der Werber peinlich darauf zu achten scheint, daß wir nicht die Abkürzung ins andere Lokal nehmen: „Bigos schon bestellt“, ruft er uns zu, während er selbst durch den Regen hastet. Nicht nur das Kraut ist eine Leckerei, Fisch und Fleisch und Salat und Bier und Kaffee sind es nicht minder. Wir hoffen, daß die unverhohlene Freßlust nicht unserer nationalen Identität zugeschrieben wird.

Zbigniew ist ein junger, braungebrannter Erfolgsmensch, der uns lachend in Empfang nimmt. Sein alter Polonez verschlingt unsere Gepäckstücke. Als Zbigniew noch in Deutschland lebte, spielte er in der dritten Liga Fußball. Zuhause hat er es bereits bis zur zweiten gebracht. Es ist fünfzehn Uhr und unser Fahrer will morgen früh um sieben Uhr arbeiten. Bis dahin hat er 1300 Kilometer zu fahren - wir die Hälfte. Sein Wunsch, wenigstens nach polnischen Verhältnissen pünktlich zu sein, ist mein Gaspedal, das im Fond schlafende Kind meine Bremse. Nach reichlich acht Stunden kommen wir ohne Probleme über die Grenze. Erst vor unserem Haus, wo Zbiegniew die Autos zu entladen und alles ins Haus zu schleppen hilft, werden wir von einer Horde Betrunkener Frankfurter attackiert. „Eh, Ihr Titten da drüben!“ Wir sind zu Hause.

Lebensgefühle auf der anderen Seite der Grenze

"Zwei Polen, das sind drei Meinungen und fünf Parteien." Eine polnische Identität zu beschreiben, sei unmöglich, ist der Kulturphilosoph Dariusz Aleksandrowisz von der Frankfurter Europa-Universität überzeugt. Dagegen fürchte sich ein Pole vor jeder Art von Kontrolle, laufe lieber mit seiner Kutte als mit Hut und Mantel und deute dadurch an, daß er "nur Gast auf dieser Welt ist, die er immer ein bißchen verachtet."
Als sehr fremd habe er anfangs das von ihm hochgeschätzte, aber "unmenschlich kühle und anonyme" Wirken von Institutionen und Rechtsnormen in Deutschland empfunden. Wo ein deutscher Beamter einen Strafzettel verteilt, läßt sich ein polnischer Kollege durch eine Schilderung des eigenen schrecklichen Schicksals oder eine kleine Bestechung erweichen. Schon weil er wie alle Polen nicht gern öffentlich Konflikte austrägt. Zugleich suche die - im übrigen ziemlich korrupte - Polizei nach Gelegenheiten, die neuen Strafen von bis zu 500 neuen Zloty zu verhängen, wobei das Strafmaß dem Beamten überlassen bleibt und von einer noblen Karosse ebenso beeinflußt werden kann wie von einer rührseligen Familiengeschichte.
Besonders auffällig sei das polnische Verhältnis zum Leid. "Der Kapitalismus erzwingt eine Art Fassadenoptimismus. Aber ein Treffen mit Freunden besteht zu neunzig Prozent aus Klagen, und das gegenseitige Mitleid stiftet ein enges Gruppengefühl", erzählt der Verwaltungschef des Slubicer Collegium Polonicum, Krzysztof Wojciechowski. "Wenn ich Zahnschmerzen habe, möchte ich bemitleidet werden. Meine deutsche Frau sagt in der gleichen Situation: Hilf mir oder laß mich in Ruhe."
Durch die deutsche Direktheit habe auch er sich anfangs oft vergewaltigt gefühlt. Heute müsse er darauf achten, seine Landsleute nicht durch die gleichen Eigenschaften zu verletzen. "Deutsche haben eine subtile Art, miteinander die Willenskräfte zu messen und Stärke zu demonstrieren." Im übrigen, so Wojciechowski, sei Polen ein Land, das von Frauen regiert werde. "Hinter jedem Mann steht eine Frau, der man nicht widersprechen kann."
Auf einen oft unter äußerem Druck gewachsenen Zusammenhalt deutet auch die polnische Sprache, die nur wenige Dialekte bildet, sich in ihrer Lexik praktisch überall gleicht. Ebenso verbindend wirke der Katholizismus, der sich durchaus nicht immer klerikal verstehe. So wendet sich die Mehrheit der polnischen Gläubigen heute auch in Umfragen gegen die päpstlichen Vorstellungen von Sexualität und (Nicht)Verhütung, ohne darin eine Anfechtung ihrer religiösen Überzeugungen zu sehen.
Die Aussöhnung zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk, so Woyciechowski und Aleksandrowisz, komme bei allen Unterschieden voran. "Bei den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Eliten ist sie fast vollzogen", meint Aleksandrowisz. "Dort gibt es auch eine Interessengemeinschaft. Etwas anderes ist der Alltag des Durchschnittsbürgers."

1996