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Erdgastrasse

Lied von den Händen

Alles, was die Sterblichen berühren,
nimmt ein Stück von ihrer Sterblichkeit.
Aber erst, wenn Hände Hände spüren,
gehn wir Menschen, wie von ihr befreit.

Das ist gut. Man schaut sich auf die Hände.
Klüger als die meisten Worte sind,
machen sie dem Schweigen oft ein Ende,
schon bevor der erste Satz beginnt.

Sind zu klein, um alles zu bewahren.
Erde trägst du an den Händen mit,
Schwielen auch und Falten von den Jahren
Und die Spuren, die der Ring dir schnitt.

Das ist gut. Auf offne Hände schauen,
wenn man seine eignen in sie legt,
wissen, eine kann der andern trauen,
Leicht zu tragen, was sonst keine trägt.



Henry-Martin Klemt
1983

Straßenbau Alexandrowo Newski

Schwarz ist die Erde wie geronnenes Blut.
Obwohl mein Spaten nicht rührt an der Rostspur des Kriegs,
wiegt sie wie unsre schmale Straße schwer.
Und stumm, wie keines auf den Gräbern ist,
ragt der zerschossenen Kirche dunkles Kreuz.

Die Leute, die ihr Korn darinnen mahlen,
schon sechzig Jahre, geben selbstgebrannten Schnaps.
Die Kipper rollen langsam hier vorbei,
bis zu der Kreuzung, wo die Kriegsschuld unsrer Väter
auf unsre Schuldigkeit zum Frieden stößt.



Henry-Martin Klemt
1983

Lipezker Lied

Der Frieden kostet nicht nur Schweiß,
und was wir für ihn geben,
das bringt uns nicht nur Frieden ein
in unserm eignen Leben.

Der Frieden kostet manches Kind
Die Gute-Nacht-Geschichten
und dabei würden wir ihm gern
ein Trassenmärchen dichten.

Der Frieden kostet unsre Fraun
Manch abendliches Lachen.
aus Briefen, die drei Wochen gehn,
erfahrn wir, was sie machen.

Der Frieden kostet Zärtlichkeit,
an der wir nicht gern sparen,
und macht uns glauben, daß wir uns
noch nie so nahe waren.



Henry-Martin Klemt
1983

Lied am Grab von Wyssozki

Ich kauf ´ne Rose bei dem Mädchen im Hotel.
Das ist so blond und wie Marina schön.
Als sie das Geld nimmt, sage ich noch schnell:
Ich will zu ihm, will zu Wyssozki gehn.
Sie läßt den Eimer, noch mit Blumen voll,
sucht schon im nächsten, aufgeregt und lang
die eine Rose, die ich bringen soll,
und lächelt schwitzend über meinen Dank.

Sein Grab: Kein Platz für laute Traurigkeiten.
Hol lieber Wasser! Stell die Kerzen auf!
Dort, die Gitarre hat noch alle Saiten,
und geht ein Wind, so scheints, er spielt darauf.
Vielleicht ist´s das, weshalb die Leute reden
von ihrem Sänger hier und auch von sich,
und kurze scharfe Blicke mustern jeden:
Du kannst ja gehen, geht´s dir gegen´n Strich.

Die Rose ist kein Pfeil. Sie fliegt ins Licht
und fällt auf halbem Wege schon herab.
Die halbe Strecke, weiter komm ich nicht,
ist ganz egal, wie lang ich noch zu singen hab.
Ein kleines Mädchen nimmt die Rose weg
und trägt sie zu dem weißen Grabstein hin:
Hej, Fremder, heulen hat doch keinen Zweck...
Ich heul ja gar nicht, kleine Sängerin...



Henry-Martin Klemt
1985/2000

Alma Ata - Denkmal der Panfilow-Gardisten

Wir haben davon in Büchern gelesen:
Panfilow, die Wolokolamsker Chaussee,
die achtundzwanzig gefallnen Gardisten.
Wir lagen niemals vor Moskau im Schnee.

Die Zinnen des Kreml, die Karte des Landes,
Gesichter von Haß und von Liebe verbrannt.
Was weiß denn das Eisen von menschlichen Augen?
Das sagt sich so einfach: Mein Leib ist mein Land.

Fast wie ein Lied von irgendwoher
Wiegt dieses Denkmal – nichts und zu schwer...

Die Angst um das eigene Leben vergessen...
Zwei Jungs halten Wache, statt Fußball zu spieln.
Stehn starr mit ihren Maschinenpistolen
Und könnten – ist gut so – noch nicht einmal zieln.

Hättet ihr den mit dem mächtigen Körper
Heute zum Lehrer, ihr wäret nicht hier.
Es stünden nicht steif wie die Abwehrkanonen
uniformgrau zwei Mädchen, zwei Mädchen wie ihr.

Daß auf den Toten die Erde nicht lastet,
solln sie ihn hören, den eiligen Gang
und den Maschinenlärm, wenn wir bauen,
und unser Lachen, wie einen Dank.

Fast wie ein Lied von irgendwoher
Wiegt dieses Denkmal – nichts und zu schwer...



Henry-Martin Klemt
1986

Kleines Moskauer Frühlingslied

Ich liebe den Frühling in Moskau. Die Leute,
tief atmend, bevölkern die Parks, auf den Knien
ein Buch, eine Zeitung. Vorbei sind die Tage,
die kühl blieben, auch wenn die Sonne uns schien.

Arbatskaja, Schöne, jetzt trägst du die Frauen
wie Blumen auf deinem neuen Gewand.
So lieb ich dich: trunken von irdischen Farben,
als hätte ich dich erst heute erkannt.

Im Strudel des GUM und im Metrogedränge,
am Telefon auf dem Kalinin-Prospekt
platzt jeder Satz, jedes Wort aus den Nähten:
Sag laut, wo wir hinwolln. Was hat dich erschreckt?

Weit ist das Land und nach Gras riecht die Erde.
Geduldig trinkt sie den vorletzten Schnee.
Ich liebe den Frühling in Moskau, die Leute
und wie sie sekundenlang lächeln: Nun geh...



Henry-Martin Klemt
1987


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Trassen-Tage




Jede Reise ist auch ein Fest. Da stört den Berliner Liedermacher Frank Viehweg und mich im Mai 1983 auch der Satz unserer Gastgeber in Moskau nicht, die da meinen: „Ihr seid die von der Kultur, die uns immer die zusätzliche Arbeit hier machen, wegen denen wir extra rausfahren müssen.“ Während wir durch Moskau gondeln, kommen die Kumpel ins Erzählen: „Das hier ist eine richtige Schule des Lebens. Ich war noch nie so selbstkritisch, wie ich hier geworden bin.“ Und ein anderer, Sicherheitsinspektor auf der Baustelle, meint: „Ich entscheide fast immer anders, als ich zu Hause entscheiden würde. Man muß improvisieren können und kann doch auch einen Betrieb nicht einfach hängen lassen.“
Wo wir hinwollen, herrschen im Winter 35 Grad unter Null, im Sommer 40 Grad Hitze. Brikettschwarze Erde, steinhart im Frost, schlammig zäh im Frühjahr und im Herbst. Mancherorts muten die Verhältnisse mittelalterlich an. Manchmal stockt der Materialfluß. Manchmal kommen unangemeldete Arbeitskräfte – sogenannte „U-Boote“ – die untergebracht werden müssen. „Viele haben gesagt, das Ding ist ´ne Nummer zu groß für uns. Aber wir würden uns ja blamieren, als Fachleute und als Republik auch. Das geht einfach nicht, zu sagen: Das geht nicht.“ In seiner Freizeit bastelt der Inspektor Karten aus Birkenrinde. Man kann nicht bloß saufen.

Lipezk

Schwarzerdezone. Weizen, Gerste, Kartoffeln auf den Feldern. Wenn der Regen schon im August einsetzt, ist ein Teil der Ernte verloren. Im Parteistab hören wir von 40 Verdichterstationen an 4200 Kilometern Rohr. Fertigstellungstermin 1984. Nachdem das Embargo aufgehoben wurde, heißt das Kampfziel 30. November 1983. 5000 Leute schuften im Raum Lipezk dafür. Am Kaufhaus der Stadt steht ein Ehrenmal. 120 Helden der Sowjetunion zählt Lipezk. 6000 Soldaten fielen. Die Stadt war nicht besetzt; die Nazis wollten sie als Kurort erhalten. Doch fast jede Familie hat ihre Toten. Jungs und Mädchen halten ihnen Ehrenwache. Als der Trassenbau hier begann, zogen manche Familien aus ihren Wohnungen in eine Garage um, damit die Männer des ersten Konvois untergebracht werden konnten.




Perwomaiski

Orte dieses Namens gibt es etwa 500 in der Sowjetunion. Wir wohnen in einem Block, den Cottbuser Bauleute in die Landschaft gestellt haben. Im Wohnlager hausen über 1000 Menschen; dort ist kein Platz mehr für uns. Bei Trockenheit kommt man ganz gut von Haus zu Haus. Der Kulturverantwortliche Peter Winkler war schon an der Drushbatrasse dabei. „Allen kannst du es auch hier nicht recht machen. Wenn dir dann einer dumm kommt, mußt du auch kontern können.“ Das Freizeitzentrum ist noch nicht fertig. Winkler macht sich nichts vor: „Es gibt die Engagierten, eine kleine Gruppe, dann die, die gutes Geld verdienen wollen und sich nicht weiter kümmern, das sind die meisten, und ein paar sind hier, weil ihr Betrieb das so wollte.“ Soll das Gas fließen, müssen sie lernen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Im Winter kann das zum Beispiel bedeuten, auf spiegelglatter Fahrbahn mit fünf Stundenkilometern den Kies zur Baustelle zu karren. Egal wie – nur keine Unterbrechung. Dafür die Agitation, die „Rote Sterne“-Bewegung und eben auch das Disko-Mobil, ein buntlackierter LKW mit Musik- und Kinoanlage aus Beständen der Volksarmee, der für Stimmung sorgt.
Der Ort hat 12 000 Einwohner. Wasser wird mit Brunnen und Pumpen gefördert. Kanalisation gibt es nicht. Ein Chemiewerk und, der Legende nach, ein Puff. „Es gibt hier weniger Frauen, die sich sehen lassen können, als solche, die sich sehen lassen. Es lassen sich weniger sehen, als da sind, und es sind weniger da, als da sein müßten.“ Die Lebensmittelgeschäfte sehen trauriger aus als die Spielwarenabteilung im „Uniwermag“. Die meisten Leute halten ihr eigenes Vieh. Sie leben in Holzhäusern, auf die sie stolz sind, weil sie sie über Generationen zusammengehalten haben. Und sie altern rasch. Auch bei den Trassenbauern gibt es Schweine, Hunde, Katzen, Hühner. Familienersatz und Adressaten für Streicheleinheiten von schwieligen Händen. Der Verdienst ist gut. Arbeiter verdienen oft mehr als ihre Chefs. Aber die Entlohnung für die gleiche Arbeit differiert um mehrere hundert Mark. Das stößt den Kumpel sauer auf. Da trösten die Artikel im „Trassenecho“ auch nicht. Zeitungsleute haben keinen guten Ruf – und wir sind so etwas ähnliches wie Zeitungsleute. „Wenn da steht, eine Kindereinrichtung wurde in 29 Wochen gebaut, grinsen die Kumpel sich eins. Da ist nichts verputzt, kein Durchbruch gestemmt, die Fugen gerade mal so zugeschmiert – das können andere auch. Ich kanns nicht leiden, wenn eine Sache nicht Hand und Fuß hat“, sagt Siggi, der das Disko-Mobil chauffiert, und träumt laut vom Urlaub mit seiner „Mausi“: wie er sich tief gebräunt neben sie legt... Siggi ist KfZ-Techniker und Diskotheker, Filmvorführer, Elektriker und Kraftfahrer und vor allem: die Nachrichtenzentrale der Kumpel für das, was nicht im „Trassenecho“ steht. Als ich ihm meinen heruntergefallenen Belichtungsmesser gebe, bekomme ich ihn nach zwei Stunden repariert zurück.

„Du mußt das Leben sehen wie Kino-porusski, also umdenken und alles vergessen, was du an Maßstäben mitgebracht hast“, ist der FDJ-Sekretär der Baustelle überzeugt. Das gilt auch bei der Disko, zu der sich einige einheimische Mädchen einfinden. „Die wollen doch weg von hier, wenn sie nicht sowieso irgendwo studieren. Da sind sie froh, wenn ihnen jemand ein Kind andreht“, meint einer der Kumpel. Allerdings kann das auch die Rote Karte für den glücklichen Vater bedeuten – die endgültige Heimfahrt. Was zwischen Mann und Frau zuweilen schon gut funktioniert, braucht in den offiziellen Strukturen etwas länger. Seit Januar war ein Gespräch geplant – jetzt soll es endlich stattfinden. Oftmals kommen die Begegnungen kaum über das Protokoll hinaus. Allerdings verbinden sich Kunst und Ökonomie, wenn die Trassenfanfare erklingt und der Singeklub russische Volkslieder schmettert. Da kommen den russischen Genossen schon mal die Tränen – und plötzlich gibt es Bauholz, und die Freunde schneiden für die Kumpel Kanthölzer aus den Stämmen...

Bei einem kurzfristig einberufenen Meeting wird ein Lebensretter ausgezeichnet. Zum ersten Mal sehe ich die Trassenfahne wehen. Der Kipperfahrer war dazu gekommen, als sich zwei Jelez-Schlepper im Nebel frontal ineinander verkeilten. Der eine Truck brannte bereits. Der Kipperfahrer zog einen Jelez zurück, damit sich der Fahrer und sein Begleiter aus der Kabine befreien konnten. Dann schlug er die Frontscheibe des anderen LKWs ein und zerrte den Fahrer aus dem brennenden Wagen in den Straßengraben, gerade rechtzeitig, bevor die Maschine explodierte. Dem vierten konnten sie nicht mehr helfen. Erst am Abend, meint der Vierzigjährige, als er seine Medaille erhält, hätte er weiche Knie bekommen. Schnell taucht er zwischen seinen Kollegen unter und bleibt unauffindbar für uns.

„Hans Günther D., 32 Jahre, Leiter der Juugendbrigade Swetlana Sawetzka des BMK gehörte zu den ersten, die ihre Arbeit an unserem Bauabschnitt aufnahmen. Seit dem 11. August 1982 ist der gelernte Betonwerker mit seiner 15 Mitglieder umfassenden Brigade stets an den Brennpunkten zu finden.“ So steht´s im „Trassenecho“. Mit Frank streitet der Straßenbauer erst einmal einen Abend lang, ob der Tod wirklich zum Leben gehört. Am nächsten Morgen bringt uns ein Krass-Kipper zur Baustelle nach Alexandrowo Newski. „Die alten Printen sind besser“, erklärt der Fahrer, den sie Kamikaze nennen. „Da weißt du wenigstens, daß alles fest ist und hält.“ Bei einer Ausfallquote von 30 Prozent ein beruhigendes Gefühl. 170 000 Kubikmeter müssen bis November noch gefahren werden. Rund um die Uhr, 500 Kilometer pro Schicht – Wartezeiten an der Kiesgrube und bei Gegenverkehr auf der zum Teil einspurigen Straße inklusive. Kamikaze läßt mich auf den Bock. Bald sehe ich von weitem Günthers Basecap leuchten.

Günthers Ehe läuft „eigentlich erst, seit ich hier bin, gut“. Und hier ist er, weil sie in Mosambique gerade niemanden brauchten. Die Schreiberei als Brigadier liegt ihm nicht. „Ansonsten mach ich dieselbe Arbeit wie alle.“ Obwohl er keinem lange böse sein kann, hat seine Truppe bisher alle Terminvorgaben unterboten. „Sind wir ein bißchen in den Vordergrund geschoben worden. So gut sind wir gar nicht.“ Aber gearbeitet wird jeden Tag. Von Urlaub zu Urlaub, 16 Wochen am Stück. 12, manchmal 14 oder 16 Stunden am Tag. Fehlt morgens der Beton, gibt es abends Überstunden. Im Moment werden Regenabläufe geschachtet. Nur in dünnen Scheiben läßt sich der schmierige schwarze Boden mit dem Spaten „abschneiden“. Nach einer viertel Stunde platzt die erste Blase an meiner Hand auf. Zur Brigade gehört auch Nelly, eine junge Hündin, die von jedem etwas zugesteckt bekommt. Im Rücken haben wir eine alte Kirche, gekrönt von einem zerschossenen, geknickten Kreuz. Dort wird Korn gemahlen. Daneben ein Rinderstall mit zwei riesigen Bullen. Manchmal grast einer in der Nähe der Brigade. Dann halten die Männer ihre Schippen ein bißchen fester. Das volkseigene Vieh ist so mager wie das private fett. Das „Magasin“ des Dorfes seit langem geschlossen. Zum nächsten Laden sind es vierzehn Kilometer. Am Nachmittag betreten wir einen der kleinen Höfe. Ein einarmiger Bauer sitzt dort, sein Sohn schirrt ein Pferd an. Eine barfüßige Frau wieselt durchs Haus, lächelt. Der Bauer braucht ein Feuerzeug. Wir brauchen Samagon, „Sammi“, selbstgebrannten Schnaps. Mit blauer Flamme muß er brennen, das wissen wir schon. Ein Kumpel holt mit dem Sohn des Bauern das Zeug. Auf einem Panjewagen bringen sie es zur Baustelle, unterhalten sich vierhändig dabei, und der Alte sitzt hinten und quetscht das Schifferklavier. Der Kumpel ist blau. Der Bauer hat ihm zwei Welpen seiner trächtigen Hündin versprochen. „Das meinte ich heute morgen“, erklärt Günther. „So gut sind wir gar nicht.“ Die Russen folgen uns von Loch zu Loch. „Nix Prasnick“, ruft Günther. „Rabotajet.“ Enttäuscht ziehen die Bauern ab. „Die Trasse geht vor allem anderen“, meint Günther an uns gewandt. Damit ist die Sache für ihn erledigt.

Der Film, den wir abends im Speisesaal sehen, gehört eigentlich in eine Kindervorstellung. Aber die Kumpel schauen ihn sich an, und wenn kein neuer kommt, sehen sie ihn knurrend auch ein zweites Mal und beten zu DEUTRANS dabei. Fast alle Gespräche beim Bier danach drehen sich um die Arbeit. Heimat, das ist ein Begriff, der hier ganz plötzlich Geltung erfährt, der fest in den Sprachgebrauch der Kumpel eingeht. So entsteht nicht nur ein neues Verhältnis zur Sowjetunion, sondern auch zur DDR während ihrer Zeit hier. Und vielleicht können umgekehrt wir hier lernen, unser Volk besser zu begreifen als zu Haus, denn es hat hier oft nicht viel mehr als sich selbst und seine harte, ungewohnte Schufterei. Auch Arbeiterehre ist so ein Wort. Hier meint es wohl: Ich will nichts umsonst, aber ich will die Bedingungen, die möglich sind, um gute Arbeit auch leisten zu können. Dafür mach ich, was ich kann. Um vier Uhr klingelt der Wecker. Um halb fünf gibt es Frühstück. Der alte Bus, den sie deftig ihren „Trassenentsafter“ nennen, holpert über die Betonplatten. Mittags kann man sich nur unter dem Bauwagen vor der Hitze verkriechen oder in ein laues Lehmloch springen und ein paar Stöße schwimmen. Beton ist noch immer nicht da. Er wurde am Verdichter gebraucht. Dafür bekomme ich nach endlosem Fußmarsch im „Uniwermag“ das Dreirad, das Günther sich für seine Kleine gewünscht hat. Das letzte hat, so hören wir, der Nachbar geklaut und für neu gekauft ausgegeben. „Das schafft er diesmal nicht“, frohlockt Günther. Die zweieinhalb Tausend Kilometer Transport nimmt er dafür in Kauf. Abends in der Baracke zeigt er mir seine Schätze. Eine elektrische Puppe, die einen Kinderwagen schiebt, eine Spielzeug-MPi, einen wertvollen Ring. Dabei sieht er mich an mit leuchtenden Augen, als wollte er sagen: „Na, siehst du“, oder auch „Verstehst du das?“ Als wir uns verabschieden, meint er noch: „Wenn ihr wiederkommt, stehn ein paar Botten da.“ Ein Trassenbrauch. Denn wenn einer aus dem Urlaub kommt in der Schlammzeit, und am Tor erwartet ihn niemand mit ein paar Stiefeln, versinkt er bis zu den Knien im Dreck. Dann weiß er, daß er verspielt hat bei seinen Leuten.

Jefremow

Jefremow ist schön. Noch ist die Trasse selbst 35 Kilometer entfernt. Auch die Verdichterstation liegt etwas außerhalb. Die Stadt gehört zum militärischen Verteidigungsring Moskaus. Die Sitten sind etwas strenger. Zumal auch ein paar Tausend Verbannte hier leben sollen. Der Baustab hat seinen Sitz im „Gostiniza Zentralnaja“, dem Zentralhotel, und existiert erst seit zwei Monaten. Unser Bus, der dort mit 25 Leuten vorfährt, gehört zu den „U-Booten“. Im Haus herrscht Unruhe. Ein Kumpel ist gerade aus dem Krankenhaus gekommen. Er hatte einen kräftigen Schluck aus einem Saftbottich genommen, in dem sich Geschirrspülmittel befand. „Als das Zeug unten aufschlug, kamen mir zum ersten Mal die Augen nach vorne“, berichtet er. „Komische Art hast du, Seifenblasen zu machen“, spotten die anderen. Die Ärzte waren ihm mit einem Wasserschlauch zu Leibe gerückt. Bevor sie ihn an den Tropf hängten, hatte er Reißaus genommen. Ein Wagen bringt uns zum entstehenden Wohnlager. Daneben befindet sich eine Baustelle der Russen. „1979“ lesen wir an den im Rohbau fertiggestellten Wohnblöcken. Es könnte auch „Wsjo budjet“ dort stehen. Am Pfingstwochenende ruht auch bei den Deutschen die Arbeit, aber nur, weil sie von der Leitung ausdrücklich verboten wurde. Ein Sportfest ist stattdessen angesagt. Beim Elfmeterschießen setzt sich die DDR-Mannschaft durch und trägt den Siegerpreis, ein lebendiges Huhn, vom Platz. „Elli, das Trassenhuhn“ soll es künftig heißen und in einem der Verschläge hausen, die häufig unter den Metalltreppen der Bauwagen errichtet werden. Als ein russischer Arbeiter fragt, wo er eine Limonade für sein „Malinki“ bekäme, und ich ihm eine Orange in die Hand drücke, kauft er erst einmal ein Bier: „Nu, tui rabotajesch, ja rabotaju – na starowje.“ Nach dem sechsten oder achten Bier kommt Walentins traurige Stunde, und er erzählt mir seine ganze Geschichte. Leider verstehe ich kein Wort. Auch von den kleinen Kompensationsgeschäften hören wir. „Borgst du mir deine 50 000-Liter-Zisterne, kriegst du zwei Wohnwagen für die Urlaubssaison.“ – „Charascho. Aber kannst du mir nicht lieber 35 Kilometer Erdgasleitung machen, ihr baut doch durch ganzes Land?...“

Abends geht es im „kulturui park“ zum berühmten Steher-Tanz, der seinen Namen trägt, weil es auf dem eingezäunten Areal, wo getanzt wird, so gut wie keine Sitzgelegenheiten gibt. Der Park ist akkurat gepflegt. An einer Bude gibt es ein untrinkbares Gebräu namens „Kolos“, daneben eine Luftschaukel, die bei den Älteren ebenso beliebt wie bei den Kindern ist. Die Röcke der Mädchen wehen im Wind. Aber meistens kommen sie, tanzen, lachen und singen in Gruppen. Um zwanzig Uhr beginnt die Musik, doch zunächst passiert gar nichts. Kinder, alte Mütterchen, ganze Familien warten am Zaun. Nur vier russische Jungs versuchen einen Pogo zur scheppernden Rockmusik. Frank und ich lächeln fleißig einem der weiblichen Jungkollektive zu, bis tapfer zurückgelächelt wird und Sweta, Tanja und Tamara uns plaudernd durch den Park schleppen. Vor dem Zaun haken wir sie kurzerhand unter und huschen an den kassierenden Babuschkas vorbei. Woher kamen nur plötzlich so viele Leute, fragen wir uns. Im übrigen tanzt fast jeder für sich, auch wenn er eine Partnerin oder einen Partner auf die Tanzfläche führte. Oder man tanzt sozusagen mit allen, was aufs gleiche hinausläuft: ein züchtiges „Doswidanja“ zum rechten Zeitpunkt. Auch wenn man kein Geld für den Autobus hat. Lieber geht man zu Fuß, als die zwanzig Kopeken von den fremden Deutschen anzunehmen. Bei Zigaretten freilich ist das etws anderes. Einer der Kumpel, den die Mädchen in ihren Kreis gezogen haben und der dort eine hilflose Solonummer probiert, erzählt uns später, daß seine Flamme das schon seit Monaten so mit ihm macht. Sie läßt ihn vortanzen. Nach Hause bringen läßt sie sich nicht. Aber irgend einen Weg muß es wohl geben. In Perwomaijski wurde gerade die erste Trassenhochzeit dieser Baustelle gefeiert. Die zweite steht vor der Tür. Hier wartet die Miliz an den schmiedeeisernen Toren: fünf Jeeps und zwei Streifenwagen. Sie folgen dem imposanten Zug der heimwärts Strebenden, rauschen ab und zu mit Blaulicht in die Menge und greifen sich Trunkenbolde und verdächtige Gestalten mit wenigen, rüden Griffen. Wir steigen in den Bus. Die Kumpel bestehen darauf, die Innenbeleuchtung brennen zu lassen, wenn sie den Mädchen winken – und die winken ausgelassen zurück.

(Diese Aufzeichnungen entstanden auf der Grundlage eines Tagebuches von 1983)

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