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Lebus

An den pontischen Hängen

Wer sich im Frühling auf den Weg zu den pontischen Hängen macht, hat meistens etwas von den sagenumwobenen Adonisröschen gehört, die im April blühen. Trotzdem sind viele Besucher überrascht von der einzigartigen Naturlandschaft an der Oder, die sich zwischen den früheren Bischofssitz Lebus und die alte Messe-, Hanse- und Universitätsstadt Frankfurt schmiegt. An einem klaren Tag reicht der Blick über die Oder Dutzende Kilometer hinein ins polnische Land. Wiesen breiten sich, eine sanfte Ebene, von kleinen Hügeln durchbrochen, Felder und Wälder. Mit jeder Stunde wechselt das Licht. Mit jedem Tag das Antlitz dieser geschützten Landschaft.

Die letzten Eiszeit gab der Gegend ihr Gepräge. Das Grundmoränenplateau - die Lebuser Platte - fällt mit einem Höhenunterschied von bis zu 50 Metern zum Urstromtal, der Oder, hin ab. Das Naturschutzgebiet Oderberge mit seiner Fläche von 13 Hektar erstreckt sich über den gesamten Oderhangbereich zwischen dem Wasserwerk südlich von Lebus bis zu den Oderbergen. Klimatisch gehört diese Landschaft in das ostbrandenburgische Trockengebiet. So konnten sich hier zahlreiche Pflanzen aus den osteuropäischen Steppengebieten ansiedeln und bis heute erhalten.





Dem rüstigen Wanderer sei der Rundweg empfohlen. Ob er zunächst am Oderufer entlang wandert, die Schönheit der Bäume in sich aufnimmt, den Frieden der sich breitenden, vom Frühjahrshochwasser noch zum Teil überfluteteten Wiesen, ob er ob er gleich den Hochweg einschlägt, um den Fernblick zu genießen, ist vollkommen ihm überlassen. Liebevoll gestaltete Tafeln geleiten ihn entlang des Lehrpfades, geben Auskunft über Fauna und Flora dieses Gebiets. Darf es ein wenig mehr Abenteuer sein? Rechts und links des eigentlichen Naturschutzgebietes gibt es ebenfalls einige Einfahrten in Richtung Oder hin. Nicht ganz leicht passierbare Wege, die an einem Acker, einer Schilfkante enden. Das Gras wächst hier höher. Urtümlicher bietet die Mark sich dar. Angler wissen das zu schätzen und Städter, die mit ihren Hunden hierher fahren, um den Tieren Auslauf zu gewähren. Im Herbst auch die Kinder. Zu Hunderten pilgern sie zum Drachenfest in den Wiesen. Wem die Fee des Flusses erscheint, den wird das Glück nicht mehr verlassen. Diesmal heißt sie Khadija und hat sich von der Aprilsonne anlocken lassen. Wenn sie Katja heißt, lebt sie in Potsdam und arbeitet bei einem Verlag.

Ihre Namensgeberin gehört zu den heiligen Frauen des Islam. Der Überlieferung nach wurde Hazrat Khadija um das Jahr 555 in Mekka geboren. Sie war bekannt dafür, dass sie mittellosen heiratswilligen Verwandten beistand, dass sie die Armen speiste und kleidete, und ihre gesamte Verwandtschaft materiell unterstützte. Sie gab Mohammad, ihrem musterhaften, um etliche Jahre jüngeren Angestellten, zu verstehen, dass sie bereit sei, seine Frau zu werden – eine Unglaublichkeit in der abergläubischen Männergesellschaft ihrer Zeit. Vielleicht ahnte sie, dass er ihre revolutionären Gedanken von einer gerechten Gesellschaft verstehen und ihnen Gestalt verleihen könnte. Vom ersten Tag der Offenbarung bis zum Ende ihres Lebens begleitete sie den Propheten mit Liebe, Vertrauen und Opferbereitschaft. Das Jahr, in dem Sie starb, ernannte Mohammad zum Jahr des Trauer.



Wenn Khadija sich mit ihrem Schleier dreht, scheint es, als hätte sich der Frühling in ihr noch einmal erfunden. Dieses sanfte Wehen der Winde und der Zeit. Hinter dem Hügel grüßt der Kirchturm von Lebus. Deren Sakristei wurde im Jahr 2000 wieder freigelegt. Der freundliche Ort war einst viel bedeutsamer als das benachbarte Frankfurt. Hier hatte der Bischuof des Bistums Lebus seinen Sitz, das der polnische Herzog Boleslaw 1124 gründete. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts gehörten dazu 172 Pfarreien, die etwa 70.000 Katholiken umfassten. Das Staatsgebiet des Fürstbistums warf bis zu 20 000 Gulden jährlich für den Bischof ab. Fontane schrieb: „Das Boot liegt in der alten Bischofsstadt Lebus an. Freilich die alte Kathedrale, das noch ältere Schloss sind hin, und eines Lächelns kann man sich nicht erwehren, wenn man in alten Chroniken liest, dass um den Besitz von Lebus heiße Schlachten geschlagen wurden, dass hier die slawische und die germanische Welt, Polenkönige und thüringische Herzöge, in heißen Kämpfen zusammenstießen, und dass der Schlachtruf mehr als einmal lautete: Lebus oder der Tod.  Unter allen aber, denen dieser Schlachtruf jetzt ein Lächeln abnötigt, stehen wohl die Lebuser selbst obenan. Ihr Stadtsiegel ist ein Wolf mit dem Lamm im Rachen; die neue Zeit ist der Wolf und Lebus selbst ist das Lamm. Mitleidslos wird es verschlungen. Lebus, die Kathedralenstadt, ist hin, aber Lebus, das vor dreihundert Jahren einen fleißigen Weinbau trieb, existiert noch. Wenigstens landschaftlich. Nicht dass es noch Wein an seinen Berglehnen zöge, nur eben der malerische Charakter eines Winzerstädtchens ist ihm erhalten geblieben.“ Daran hat sich wenig geändert bis heute, auch wenn die Geschichte des Bistums Lebus schon 1555 endete. Seit 1995 gibt es eine Heimatstube in Lebus, die liebevoll Geschichte bewahrt und vermittelt.

Fast kirchturmhoch ragen unterdessen die Windkrafträder in den märkische Himmel. „Regenerative Energien haben sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Rund 3000 Arbeitsplätze sind im Bereich der erneuerbaren Energien in Brandenburg inzwischen geschaffen worden“, erklärte jüngst Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Mehr als 1350 Windkraftanlagen mit einer installierten Leistung von rund 1500 Megawatt sind landesweit in Betrieb. Damit können rein rechnerisch etwa zehn Prozent des Gesamtstromverbrauchs in der Mark gedeckt werden. „Brandenburg setzt weiter auf einen Energiemix. Voraussetzung für einen Energiekonsens ist, dass eine umweltverträgliche und sichere Energieversorgung zu akzeptablen Preisen angeboten wird.“









Für die Angler, die der aufmerksame Beobachter am Ufer erspäht, bedeutet die Oder Zander und Wels, Karpfen und Barsch, Rapfen und Hecht. Auch einen längeren Fußweg nehmen sie dafür in Kauf. Flussbegradigungen für eine extensivierte Binnenschifffahrt können sie sich in dieser malerischen Landschaft kaum vorstellen. Aber Verkehrsplaner rechnen anders. Sie sind an einer Verlagerung des Gütertransports von den überlasteten Straßennetzen auf andere Verkehrsträger interessiert. Frankfurt allerdings hat seine Hafenpläne mittlerweile aufgegeben. Auch die Touristikbranche hofft, das Flussgebiet grenzübergreifend für die Wasserwanderer zu erschließen. Die entsprechende Infrastruktur fehlt zur Zeit noch, und wo sie vorhanden ist, fehlt ein vernetztes deutsch-polnisches Regional-Marketing. Das haben sich inzwischen Vereine wie das Frankfurter Institut für umweltorientierte Logistik auf die Fahnen geschrieben. Auch der Europa-Radweg E1 führt hier entlang und die Fontane-Route. Khadija wird den Regionalzug nehmen. Er ist die günstigste Verbindung mit fast allen anderen Teilen des Landes. Und dank Familienticket im Berlin-Brandenburgischen Verkehrsverbund eine der preiswertesten dazu.

2005