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Österreich

Zwischen Hofburg und Wienerwald

"Ich wollte aus der Dekadenzstadt Wien weg, bevor ich ganz im Morast versank. In Wien wird man, wenn ohnehin ziellos, endgültig zum Sandler", schrieb eine junge österreichische Autorin aus dem englischen Durham, mit ihrem gestrengen Urteil jäh in die Idylle einbrechend, die der Besucher sich von der Donaumetropole machen kann. Denn die drei Frankfurter Schriftsteller, die der Einladung des österreichischen Generalkonsulates an "100 Kulturexperten" gefolgt waren, hatten, und das ist gut so, ein ganz anderes Bild gewonnen. Zwischen der Weltstadt der Suizidalen und der Autoaggression auf der einen und der Kunstmetropole mit ihrer euphorisierenden gastfreundlichen Gelassenheit auf der anderen Seite mag die Wirklichkeit liegen.

Wien schlägt nicht zu -
es ist einfach nur da

Es gibt St„dte, die den Besucher überfallen, gefangenennehmen, einspinnen oder ausschlieáen, die abrupt und unwiderruflich ihre Gegenwart bekunden, ein feststehendes Bild, kaum verrückbar durch ängeren Aufenthalt. Nichts davon in Wien. Das anderen Großsiedlungen vergleichbare Verkehrschaos täuscht ebenso wie die Verklärtheit der historischen Fassade, die im ersten Augenschein an Weimar erinnert, wie es sich verbiestert gegen Buchewald stemmt. Auch das betuliche Theaterleben zwischen Hofburg und Josephstadt liefert nur einen trügerischen Eindruck vom Wiener Alltag. Die wenigen Nazischmierereien und ihre Urheber, fast verschämt dreinschauende Skinheads, wirken wie Sprengsel auf einem romantischen Sittengemälde. Einzig greifbar, weil allgegenwärtig, ist - das Klischee sei verziehen - der Wiener Charme, allenthalben spürbar bei den Begegnungen mit Förderern der Literatur und Schriftstellern, die uns Österreich als ein Land der Autoren eröfnen. Immerhin treibt es 6000 Menschen des 17-Millionen-Volkes zum gedruckten Wort, schießen Kleinverlage und Literaturzeitschriften aus dem Boden, behauptet sich eine kleine Herausgeberszene tapfer gegen die monopolistische šbermacht der deutschen Verlage.

Begegnung in
Robert Musils Haus

In der Rasumofskygasse 20, ein Stückchen entfernt von der Betriebsamkeit der Hauptverkehrsadern, befindet sich das Musil-Haus. Hier sind die alten Fassaden nicht von Ladenketten im Erdgeschoß gepeinigt, dämmt dunkles Vorgartengrün den Staub. Wenn man die Wendeltreppe im kühlen, vorzeiten weißgekalkten Treppenhaus hinaufsteigt, gelangt man in jene Wohnung, die ehemals Robert Musil behauste. Wenige alte Möbel und natürlich die kunstvollen Kachelöfen sind noch erhalten. Ansonsten residiert hier die Grazer Autorenversammlung, die sich 1970 als dezidiert antifaschistische Schriftstellerorganisation in Abgrenzung zum konservativen PEN-Zentrum bildete. Heute bildet sie mit 450 Mitgliedern die stärkste Autorengemeinschaft Österreichs. Gerhard Kofler, ein zweisprachig aufgewachsener Tiroler, führt hier die Geschäfte und stellt uns Marie-Therese Kerschbaumer vor und Friederike Mayröcker, entschuldigt Ernst Jandl seiner Zahnschmerzen wegen. Die Gastgeber sind auch im Osten Deutschlands keine Unbekannten. Kein Geheimnis, daß die DDR den Kulturaustausch mit Österreich pflegte, auch und gerade in Abgrenzung zur Bundesrepublik Deutschland, daá in DDR-Verlagen hervorragende Lizensausgaben und eine der besten Lyrikantholgien österreichischer Autoren erschienen. So trifft der Gast auf sehr differenzierte Vorstellungen von den ostdeutschen Verhältnissen, auf eine ausgezeichnete Informiertheit über das literarische und künstlerische Leben. Da sich das nicht mit jovialen Gutzureden paart, wenden die Gespräche sich rasch möglichen Projekten, wie einem Literatursymposium 1994 in Frankfurt/Oder zu, das vom deutsch-polnischen Literaturbüro Oderregion e.V. organisiert wird.
Die Atmosphäre ganz genießen zu können, bedarf es nur noch eines Gasthauses, wie es schon Theodor Kramer in seinen Gedichten beschrieb: "Das ist die schöne Stunde des Verschnaufens, / zum kargen Wort des Schlürfens, nicht des Saufens, / wo noch das Öl- und Essigkörbchen blinkt..." Von den Bäumen poltern Kastanien auf die Tische im Hof. Weinlaub rankt am Fachwerk hinauf. Im Torbogen putzt die Wirtin einen Korb voll Schwammerln. Der grüne Veltliner rollt über den Gaumen, und eine junge Frau legt einem der Frankfurter Dichter im Vorbeigehen wortlos eine der braunglänzenden Früchte auf den Tisch - die schönste Sympathiekundgebung, die sich denken läßt. Hier sitzt man in den Zwischenräumen der Zeit, alles Umtriebige muß draußen verharren, bis sich der Gast schwer nach Essen und Reden erhebt.

Barocke Möbel und
ungarisches Temperament

Wem die Labsal noch zu wenig erscheint, der findet auch am Abend am Graben ein ruhiges Plätzchen bei einem Weinschenk oder verirrt sich ins "Bermudadreieck", wo bis in den Morgen die Jugend Wiens Kneipen und Cafes bevölkert. Sollte dort wirklich jemals jemand verschwunden sein, lag es wohl am Heurigen, denn die Straßen sind sicher. Zwischen die Gaststuben in der Schönlaterngasse schmiegt sich die "Alte Schmiede", wo der Wiener Kunstverein, wohlausgestattet mit öffentlichen Geldern, seinen Sitz hat. Gemessen an den prunklosen, aber farbenfrohen Fassaden, den Kneipen mit ihrem dunklen Interieur und polierten Holztischen, wirkt die Heimstatt der Literatur spröde, fast kühl. Umso bunter ist das Veranstaltungsprogramm für den rund 80 Besucher fassenden Saal, Lesungen, Vorträge, Podiumsgespräche wechseln einander ab. Auch die ”sterreichische Gesellschaft für Literatur, geleitet von Frau Gruber, blickt auf eine lange Tradition zurück. Die neue Chefin, schlank, blond, leise und zerbrechlich zwischen barocken Leihmöbeln residierend, will nicht nur ein gewichtiges Erbe fortführen, sondern es auch von Staub befreien. Sie offenbart eine überraschende Wendigkeit, folgt drei, vier Gedankensträngen zugleich und findet doch immer wieder zum Ausgangspunkt des Gespräches zurück. Sie warnt, auf dem Kanapee zurückgelehnt, vor dem allzu flinken Beifall er linken Szene für eine bestimmte Art von Literatur, erkundigt sich zugleich danach, unter welchen Sternzeichen die Gäste geboren sind, plaudert über die Ambivalenz der Donaumetropole und ist allenthalben bemüht, ihr durchbrechendes ungarisches Temperament im Zaume zu halten. Dem Begriff der Kunst rückt sie den der Metaphysik zur Seite, und meint etwas Seelennotwendiges, einen Grundbaustein der Ästhetik. Sie spricht über Möglihkeiten des Künstleraustausches, lacht gern und laut und führt die Besucher schließlich zur Selbstbedienung ans Bücherregal. Nur ihre Prosabände sind dort leider nicht zu finden. Aus dem konventionellen Abschied wird schlieálich eine Umarmung: "Ich muß ein bißchen begreifen, was ich begreifen will", sagt die Schriftstellerin zum Abschied.

Vom Haiku-Dichter
bis zum PEN-Mitglied

In einem Jugendstilhaus in der Wipplingergasse tagt der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Literatur im niederösterreichischen Kultur- und Bildungswerk. Der konservierte Abglanz der Jahrhundertwende ist Vorhof eines modern eingerichteten Büros. Die darin ihre Versammlung abhalten, bilden die Mitte zu beidem. Der Kreis ignoriert bewußt die Grenze zwischen Amateuren und Professionellen. Im Zentrum sitzt eine kräftige Mittfünzigerin, das Gold lacht aus ihrem Munde, vornübergebeugt moderiert sie das Gespräch zwischen einem Dutzend Leuten, unzweifelhaft von allen in ihrer Rolle anerkannt. Solch eine Frau ist fähig, auch den schlimmsten Streit wie ein Sahnehäubchen auf dem Kaffee zu verrühren und ihn danach ohne Arg zu genießen. Ihr Nachbar, ein Rundfunkredakteur, braucht für seine Biographie gerade zwei Sätze. Der andere Lautet: "Und dann habe ich noch zehn Bücher geschrieben."
Jeder hier ist in mindestens einer Literaturzeitschrift verwewigt, an der er selbst mittut. Zugleich leistet der Arbeitskreis einen wissenschaftlichen Beitrag zur Erschließung der Literaturlandschaft Niederösterreich, der in einer umfänglichen Mappe zusammengefaát ist. Vom Freizeit-Haiku-Schreiber bis zum PEN-Mitglied steht der Kreis jedem offen, und auch hier reichen die Verbindungen seit langem bis nach Ostdeutschland, gibt es Bekanntschaften mit Autoren wie Kristian Pech oder Erich Köhler, Erinnerungen an gemeinsame Lesungen und Besuche.

Provinz zwischen
Weinheber und Auden

Ein Vorortzug verkehrt zwischen Wien und Kirchstetten, rumpelt eine dreiviertel Stunde hinein in die hügelige Weinbaulandschaft, wo die Gäste von Helga Panagl, Obfrau der Literarischen Gesellschaft St. Pölten, empfangen werden. Die Gemeinde im westlichen Wienerwald schmückt sich mit zwei Lyrikern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine, nach dem Haus, Gasse und Schule benannt sind, kam nach einer glücklosen Kindhheit zur Literatur, schrieb Heimatverbundenes, Mundartliches und brachte es bei einem jüdischen Verlag heraus, bevor er sich mit den Nazis liierte, Goebbels in seinem Haus empfing und im Dorf, den Stammtisch verließ, um nicht hören zu müssen, was er nicht hören durfte. 1945 ging er in den Freitod, wurde im Garten begraben und von den einmarschierenden Russen wieder der Erde entrissen. Es dauerte lange, bis jemand wagte, den Leichnam Josef Weinhebers endgültig beizusetzen. Der andere, Wystan Hugh Auden, war ein englischer Kommunist. Auch nach ihm ist eine Straße benannt, und sein Haus wird hergerichtet als Museum. Die beiden, so möchten es harmoniebedürftige Gemüter, hätten einander verstanden, wären sie einander jemals begegnet. Zumindest leben die Leute hier mit beiden Strängen ihrer Geschichte. Und wie anderswo auch, nimmt jeder das ihm gemä erscheindende Stück für sich in Anspruch. Helga Pnagl hat hinter den Etiketten die Menschen für sich entdeckt und sucht nach Verständnis, Ausgleich, Gerechtigkeit. Sie führt mit uns nach St. Pölten, der Hauptstadt Niederösterreichs, die sich erst als Provinzmetropole zu mausern beginnt. Der Lyriker Karl Klemmt, der im Krieg in Frankfurt/Oder stationiert war, führt durch die Stadt und verblüfft mit erstaunlich modernen Gedichten. Die Runde im Veranstaltungssaal eines Gasthofes erinnert an "Zirkel schreibender Arbeiter" zu Zeiten der DDR. Die Lesung der brandenburger Autoren löst heftige Diskussionen aus und endet bei einem Winzer, einige Kilometer vor der Stadt. Dort holen endlich auch die Gastgeber ihre Texte aus der Tasche, neben Gedichten und Geschichten ist ein Essay von Alois Eder darunter. "Erstaunlich, daá es noch niemandem aufgefallen ist, wie sehr die Vorgänge in und um die deutsche Einigung bedenklich an die des Jahres 1938 in Österreich erinnern", heißt es zum Beginn einer Betrachtung des Feuilletonstreits um Christa Wolf, Martin Walser und andere Autoren. Der streitbare Satz ist zugleich der Schlüssel für ein vielfältiges Entgegenkommen in einem Land, das deutsche Hegemonie fürchten gelernt und nationale Identität in staatlicher Abgrenzung wie in kulturhistorischer Öffnung gewonnen hat.

Dieser Sozialismus
sollte nicht existieren

Das Cafe Raimund in Wien galt viele Jahre lang als Treffpunkt Wiener Literaten. Dort treffen wir und vor unserer Abreise noch einmal mit Marie-Therese Kerschbaumer. Es war nach anfänglichem Geplänkel der mehr als einstündige Monolog einer welterfahrenen Frau, die nicht nur als Schriftstellerin sondern auch durch ihr Engagement in der Friedens- und Frauenbewegung Österreichs Ansehen genießt. Der Putsch gegen den chilenischen Präsidenten Allende 1973 war für sie der Schlußpunkt unter eine bürgerlich-humanistische, aber auch antikommunistische Erziehung. Fortan verlief ihre Lebensbahn in der Ekliptik der KPÖ, ohne daß sie der Partei beigetreten wäre. Ein Roman über den antifaschistischen Widerstand in Österreich erregte Aufsehen. Fünf Jahre lang erschien kein Buch der Autorin mehr in Österreich. In der gleichen Zeit erlebte sie den "real existierenden Sozialismus" in der Sowjetunion und anderen Ostblockländern, lernte die Schizophrenie des gesellschaftlichen Lebens in der DDR kennen, die Verachtung von Funktionären nicht nur gegenüber der westeuropäischen Linken, sondern auch gegenüber den eigenen Arbeitern, die doch die Macht haben sollten. Trotzdem trat sie zeitweise der KPÖ bei, als sich Reformbewegungen abzeichneten. Mit ihrem Traum vom "Modell DDR" ist sie fertig. "So ein Sozialismus sollte doch besser nicht existieren", schlieát sie ihre Erzählung. Ihr Roman "Die Versuchung" wurde noch 1989 vom Aufbau-Verlag herausgegeben, aber weder zur Buchmesse, noch im Buchhandel angezeigt. Schamhaft duckte sich eines der größten ostdeutschen Verlagshäuser vor der politischen "Wende" und der eigenen editorischen Tradition. So hinterlassen nicht nur Stagnation und Dogmatisierung ihre weiáen Flecken, sondern auch jeder Umbruch, dessen Dynamik die an ihm Beteiligten überrollt. Auch deshalb ist es nötig, die Kontakte neu und weiterzuknüpfen, wie es das deutsch-polnische Literaturbüro versucht.

1993