Franz Josef Degenhardt
Ja, dieses Deutschland meine ich
Für mich war er immer der Degenhardt. Das liebevoll-ironische Väterchen Franz, mit dem die Linken ihn im Westen Deutschlands bedachten, ging mir nicht über die Lippen. Aber verstehen kann ich es schon: Mit den Josephs hatten wir ansonsten nicht viel Glück in der jüngeren Geschichte. Bis heute nicht. Das dürfte auch einer der Gründe sein, weshalb Degenhardt, dessen Lebensalter mittlerweile ans Verfallsdatum staatssozialistischer Gesellschaftsversuche heranreicht, sich gänzlich „uneinverstanden“ mit den herrschenden Verhältnissen erklärt:
Sehr geehrter Herr Redakteur
meine Weigerung, mich interviewen und "portraitieren" zu lassen, hat Sie verbiestert. Deshalb noch einmal meine Gründe, warum ich nichts davon halte, mich (wie Sie es ausdrückten) "in meinem Umfeld als Mensch zu zeigen und zu befragen zu meinen Ansichten über Literatur, Politik, Musik, Zeitgeschehen und so weiter".
Die Weigerung folgt einmal natürlich meinem zunehmenden Unwillen, mich ins mediale Rauschen, das ewige Plappern, Palavern einbeziehen zu lassen. Ein bißchen widersprüchlich vielleicht, weil ich das ja in beinahe 50 Jahren Praxis als Song- & Novelwriter, Anwalt und anderes mehr tat.
Da gibt's aber mehr: die Neugier auf den Autor "als Mensch", sein "privates Umfeld", seine "wahren Intentionen" und sowas daher, das kommt aus einem Authentizitätswahn und entspricht jenem Mythos von dichtender Kreativität, auratischer Persönlichkeit des Künstlers. Sowas mag ich nun überhaupt nicht. Und wenn man meint, man könne das Werk eines Künstlers dann besser verstehen: Mais non. Ich halte das für zumindest naiv. Martin Walser - und der hat ja nicht bloß Quatsch sondern auch Vernünftiges gesagt - meint, der Autor, jedenfalls er, schreibe, um seine Spuren zu verwischen. Schön gesagt; und ich schließe mich dem an. Und das soll sagen, der Autor möchte gerade sich und "sein Leben" in seinen Erzählungen, seinen Kunststücken aufgehen lassen - ja, verstecken, wenn man so will. Und der Rezipient - Leser, Hörer, Anschauer - soll's, wenn er denn möchte, zu seinem Genuß herausklamüsern. Das ist sozusasgen der Sinn von "Kunststücken".
Und schließlich doch noch etwas Persönliches. Ich - der Degenhardt - bin dermaßen dissident zu den herrschenden Verhältnissen und der
herrschenden Meinung in aesthetics, politics, philosophicis - kurz, in allem uneinverstanden mit dem, was ist, daß der Versuch, außer in meinen Liedern und Erzählungen, einverständlich, also konsensual, dies und das Wünschbare zu verdeutlichen, mir - nun nicht gerade als kollaborativ erscheint, aber doch unmöglich ist. Es wäre, zur Zeit
jedenfalls, so unverständlich, wie wenn ein Mister Spock aus einer ganz anderen Galaxie und einer viel späteren Zeit einem jetzigen Erdbewohner seine ganz andere Welt erklären würde, in der es kein Geld und keine Ware gibt, eine Gesellschaft existiert, die auf einer Gebrauchswert- und Bedürfnis-Ökonomie beruht als Voraussetzung
für Demokratie und das Ende von Ausbeutung. Und daß sowas mittels Wahlzettel nicht erreichbar ist.
Aber vielleicht versteht man es, wenn man hineinhört in meine Lieder und sich in meine Erzählungen hineinliest.
Ich grüße Sie herzlich
Franz Josef Degenhardt
Für mich war er also der Degenhardt
„Ja, dieses Deutschland meine ich“, kratzte mein RFT-Plattenspieler mit stumpfer Nadel aus der schwarzen Rille. „wo wir uns finden, unter den Linden und auch noch anderswo.“ So ähnlich hab ich mir das auch vorgestellt, also ganz anders, als es dann kam. Als Waaaaahnsinn mit Schampus. Was der Degenhardt da so entdeckt zu haben meinte, nahm ich als solidarischen Bonus. Degenhardts „nämlich ein Stück davon, das gibt es schon“ relativierte ich ostmäuerlich auf ein Stückchen vom Stück. Der Rest rangierte unter hysterischem Optimismus. Als das, was es einzulösen galt. Das Leben.
Es ist die Gesellschaft ohne Geld und Ware, beruhend auf einer Bedürfnis- und Gebrauchswert-Ökonomie als Voraussetzung für die Abwesenheit von Ausbeutung und den möglichen Beginn wirklicher Demokratie.
250 Lieder auf 30 Platten, 7 Romane, tausende von Auftritten seit. Ein Bruchteil davon kannte ich. Aber keine einer trotzigen Balladen möchte ich missen. Manchmal muß Degenhardt heute noch ein Mißverständnis aufklären, daß zwischen und mir nie bestand:
Non, ich bin kein Nihilist und auch nicht misanthrop. Die Menschen sind das Beste, was unsere Erde beherbergt, und deshalb haben sie beste Verhältnisse
verdient, ohne Elend, vermeidbares Leid. Gerechte, egalitäre Verhältnisse zwischen Geburt und Tod - so soll es sein und wird womöglich so sein, wenn wir
Lebenden längst da sind, wo schon die meisten von uns wohnen, wie ich im "Testament" singe.
Franz Josef Degenhardt wurde am 3. Dezember 1931 in Schwelm in Westfalen geboren. Volksschule und Gymnasium besuchte er in seinem Heimatort und machte 1952 sein Abitur.
In Freiburg und Köln studierte er die Rechtswissenschaften und wurde 1961 Assistent am Institut für Europäisches Recht in Saarbrücken und promovierte 1966 zum Dr. jur. Franz Josef Degenhardt ist ein Jurist und ein Poet dazu. So wurde geschrieben. Ich denke, inzwischen ist es berechtigt, die Reihenfolge umzukehren.
Lieder wie Selbstgebrannter
Degenhardt im Kleist-Theater
Frankfurt (Oder): Alte und neue Lieder stellte Franz Josef Degenhardt in der vergangenen Woche im Kleist-Theater vor. Solche wie "Tonio Schiavo" aus den 60er Jahren und solche, wie sein eigenes Testament, mit dem sich "Väterchen Franz" einmal mehr zur Bruderschaft mit Francois Villon bekennt. Wer Degenhardt lange nicht gehört hat, freut sich, daß die knorrige Stimme immernoch trägt. Daß Degenhardt die Helden seiner Lieder nicht gewechselt hat, versteht sich von selbst. Auch wenn "in einer Zeit, wo Dienstbotensprüche wie: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu... als Lebensweisheiten gelten" kein Massenerfolg damit zu erzielen ist. Durch Degenhardts Geschichten gehen die Leisen, die den Verfolgten helfen, der amerikanische Deserteur P.T., der es vorzieht, in Frankreich Mais anzubauen, statt in Vietnam Reisfelder zu verbrennen, und natürlich alle die, die die Lust am Scharfen nicht verloren haben: "Was haben wir uns geküßt, geleckt und gefickt? Der Wind aus den Bergen, der machte einen verrückt...", erinnert sich Degenhardt ohne Blatt vorm Mund. Manche dieser Lieder riechen wie Selbstgebrannter, den der ewige Pilger sich auf die Bisse der fremden Hofköter schüttet. Aus der wütenden Melancholie blüht eine melancholische Hoffnung, vor dem sarkastischen Humor bleibt nichts verschont, nicht die Verhältnisse und nicht der Sänger selbst, der mit seinen "Stories aus der Zeit von Asterix" abblitzt, als er einer zu gefallen sucht, die nur ein Drittel seiner Jahre zählt. Manche nennen Degenhardt ein Urgestein der 68er: Nun, 68 wird er bald, versteinert aber ist an ihm nicht.



