Heiner Müller
Heiner Müller 1020 - 1995
In seinen letzten Jahren gab der Dichter Heiner Müller Interviews, in denen er - gewohnt tonlos und beiläufig - ironische, abgründige, atemraubend bittere Ungeheuerlichkeiten produzierte. Müller (1929 bis 1995) war nicht zynisch. Aber wegen einer Hoffnung, die im Chor gesungen wurde, hat er nie das Gesicht seiner Verzweiflung verraten. Er arbeitete nicht mit Kategorien wie richtig oder falsch, Fortschritt oder Moral, Sieg oder Niederlage. Das taugt nicht für ein Zeitgefühl "zwischen Eiszeit und Kommune".
"Neues Deutschland" veröffentliche am 8. Januar 1999, zusammengestellt von Hans-Dieter Schütt, einige Müller-Stichworte.
ARBEITERKLASSE
Der Nationalsozialismus war eigentlich die größte historische Leistung der deutschen Arbeiterklasse. Denn der Zweite Weltkrieg war der erste wirklich technologische Krieg, Krieg auf der Basis der leistungsfähigen Industrie, auf der Basis von Geschwindigkeit, Motor und Maschine - und das ist Arbeiterklasse.
BAUTZEN
Was die Vereinigung für Deutschland bedeutete? Vierzig Jahre Bautzen verdrängen vier Jahre Auschwitz. Ich wußte schon 1945 alles über die DDR.
COMPUTER
Am Computer vorbei gibt es wohl keine Utopie mehr. Nur hat das auf einem so engen Raum wie Japan natürlich andere Folgen als in der Sowjetunion mit ihrer riesigen Landmasse. Da verändert sich eher der Computer und fängt an, Wodka zu trinken oder zu versteppen.
DEUTSCHE EINHEIT
Für das Ende des soeben vergehenden Jahrtausends wurde übrigens schon von Nostradamus prophezeit, daß der Islam Europa besetzt. Das hätte den Vorteil, daß nicht mehr alle in diesen blöden Anzügen und mit Krawatte herumlaufen, sondern im nordafrikanischen Burnus - das ist viel bequemer. Jeder darf zehn Frauen haben oder zwanzig, so er sich's leisten kann. Dann könnte man sagen: Das Ergebnis der deutschen Einheit war der Harem.
EINSAMKEIT
Das Boot ist voll. Auf der Tagesordnung steht der Krieg um Schwimmwesten und Plätze in den Rettungsbooten, von denen niemand weiß, wo sie noch landen können, außer an kannibalischen Küsten. Mit der Frage, wie man diese Lage seinem Kind erklärt, ist jeder allein. Und vielleicht ist diese Einsamkeit eine Hoffnung.
FEINDSCHAFT
Es gibt eine These, die ich ganz gut finde: Es geht darum, alle Feinde des Kapitalismus zu liquidieren, alles, was ihm hinderlich ist - damit er mit sich ganz allein ist. Und dann kann er seine Widersprüche voll entwickeln - dann ist der Kapitalismus nämlich sein eigener Feind. Das ist wahrscheinlich die Chance für eine Implosion.
GENUSS
Ich neige heute noch, zum Beispiel in der Fußgängerzone, zu Haßanfällen gegen das Geschmeiß, das seine Scheiße in die Dritte Welt karrt im Tausch gegen ihre Produkte. Das ist unausrottbar. Aber auch der Stachel, wenn ich mich dem Genuß anschließe und es schmeckt mir ... Wenn man durch eine Einkaufspassage in Düsseldorf spaziert, stößt man auf massenhaften Lebensersatz. Da wird Kunst plötzlich Terror und bekommt die Aufgabe, dieses Leben auszulöschen, denn das Leben in Düsseldorf ist nicht lebenswert. Fünftausend rosa Slips bejahen nicht das Leben. Das schreit vielmehr nach Tod und Vernichtung, wie die Postkartenhäuser am Chiemsee. Jedes Haus ist so zu Ende geputzt, daß Umweltverschmutzung zur letzten Hoffnung wird.
HAMBURGER
Die an die neue Welt gewöhnten Kinder brauchen weder Kunst noch Literatur oder Theater. Die werden nie im Leben auf die Idee kommen, daß ein Gedanke interessant sei, der sich nicht in Hamburger umsetzen läßt.
IDEE DES KOMMUNISMUS
Von Ernst Bloch gibt es die schöne Definition: Die moralische Überlegenheit des Kommunismus besteht darin, daß er für den einzelnen keine Hoffnung hat. Also, wenn die sozialen, ökonomischen Probleme gelöst sind, dann beginnt die Tragödie des Menschen: die Tragödie seiner Einsamkeit. Der einzelne wird auf seine eigentliche Existenz reduziert ... Die Angebote des Kapitalismus zielen auf Kollektive. Aber sie sind so formuliert, daß sie die Kollektive sprengen. McDonald's ist das absolute Angebot von Kollektivität. Man sitzt überall auf der Welt in derselben Kneipe, frißt die gleiche Scheiße, und alle sind glücklich. Der Kapitalismus kann einem immer nur was geben, indem er die Leute von sich selbst wegbringt.
JAHRTAUSEND
Wenn ein Mensch in seiner Höhle den Mund aufmacht nach tausendjährigem Schweigen und zu seiner Frau sagt: "Ich kann dich nicht mehr sehen" - genau in dem Moment beginnt Geschichte ... Wenn man eine attraktive Frau sieht und den spontanen oder natürlichen Impuls verspürt, sich ihr zu nähern, kann man das aus dem Stand nur, wenn man betrunken oder verrückt ist. Dazwischen liegend dreitausend Jahre Geschichte - Moral und Geschlechterkampf. Also schafft die Geschichte Verstümmelung.
KZ
Brodsky erzählt in seinen Leningrader Erinnerungen eine Episode mit seinem Vater, der als Jude nicht Offizier werden konnte und wehmütig die Militärkapellen betrachtete, zu denen er gern gehört hätte. Und dann fragte der Junge: "Welche KZs sind schlimmer, deutsche oder sowjetische?" Der Vater ohne Zögern: "Die sowjetischen." Der Junge fragt: "Warum?" - "In den deutschen wirst du getötet, in den russischen wirst du gezwungen, darin einen Sinn zu sehen."
LENIN
Historisch gesehen, beginnt die Tragödie des deutschen Kommunismus mit der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die zur totalen Abhängigkeit von Lenin beziehungsweise der KP der Sowjetunion führte. Die deutschen Kommunisten haben sich von dieser Enthauptung nie wieder erholt, von dieser zunehmenden Enthirnung der deutschen kommunistischen Partei ... Es gab einen Versuch, Marx zu widerlegen. Der Initiator des Versuchs war Lenin. Dieser Versuch ist mit dem Ende der Sowjetunion gescheitert.
MÄNNERWANDERUNG
Dies ist die deutsche Männerwanderung des 20. Jahrhunderts - aus den Schrecken der Inflation auf der Ketten- und Bombenspur in die Bordelle von Bangkok.
NOVEMBER 1989
Am 4. November 1989, auf dem Alexanderplatz, da habe ich die Unmöglichkeit, mit 500 000 Menschen zu reden, sehr stark empfunden. Man erschrickt erstmal, wenn von 500 000 vielleicht 20 000 "Buh" rufen, aber dann macht es auch plötzlich Spaß, dann wird es wieder Krieg, dann ist es gut. Das Kriegerische ist eine Grundfrage in allen gesellschaftlichen Begegnungen und Verhältnissen.
OZONLOCH
Vor der Festung stehen zig Millionen der Elenden und wollen herein. Es ist eine Illusion zu glauben, daß Europa in der Defensive zu halten ist. Der Sieg des Kapitalismus leitet sein Ende ein, denn man kann nicht erobern, was sich einem an den Hals schmeißt. Daran kann man sich nur verschlucken. Der Kapitalismus, der traditionelle Aggressor Europa, ist jetzt plötzlich von Asien und Afrika umzingelt und steht mit dem Rücken zum Ozonloch.
PARTISANEN
Es geht heute um die Wiedergeburt des Revolutionärs aus dem Geist des Partisanen: Mag der Partisan in einer Industriegesellschaft ein Hund auf der Autobahn sein. Es kommt darauf an, wie viele Hunde sich auf der Autobahn versammeln.
QUALITÄT DER DDR
Die DDR war ein Geschenk für eine Generation von besiegten Kommunisten, Emigranten, Zuchthäuslern, KZlern, die hier einen schönen Lebensabend verbringen durften. Die einzige Legitimation der DDR kam aus dem Antifaschismus, aus den Toten, aus den Opfern. Deshalb war der Sozialismus auch ein Hort der Langsamkeit, denn die Toten haben unendlich Zeit. Ab einem gewissen Punkt fing es an, zu Lasten der Lebenden zu gehen. Es kam zu einer Diktatur der Toten über die Lebenden - mit allen ökonomischen Konsequenzen. Denn die Toten brauchen keine Jeans, keine Kiwis, keinen Walkman.
REUE
Ich bereue grundsätzlich nichts. Das ist eine völlig unproduktive Haltung. Ich hab auch gar kein Recht, rein zu sein in einer schmutzigen Welt.
SED
Ich kann der SED nicht sehr dankbar sein: Sie hat mir verboten, kleine sozialistische Geschichten aus der Produktion zu machen und mich also dazu verdammt, Weltliteratur zu schreiben.
TERROR
Man muß die Mauer in der DDR auch mal historisch sehen. Die erste Maßnahme der Französischen Revolution, über die im Konvent beraten wurde, war die Schließung der Grenzen. Damit hat diese sogenannte freie Gesellschaft begonnen. Die Begründung der freien Marktwirtschaft geschah durch Terror.
UNTERSCHIEDE
Programm und Realität stimmten bei den Nationalsozialisten überein. Im Stalinismus war die Differenz zwischen Programm und Realität entscheidend. Diese Differenz ist der Grund, weshalb die stalinistischen Strukturen solche Anziehungskraft für Intellektuelle hatten. Sie schafft einen Leerraum, der Phantasie ermöglicht.
VORSPRÜNGE
Der Vorteil der DDR-Erfahrung ist, daß da keiner die Illusion hat, unschuldig zu sein. Zu dieser Erfahrung gehört das Gefühl von Komplizenschaft, von irgendeinem Anteil an allem, was in der Welt so schiefläuft. Und das ist ein großer moralischer Vorsprung. Im Westen wiederum gibt es, gegenüber dem Osten, vor allem einen Vorsprung an Verblödung.
WIRTSCHAFTSWUNDER
Das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges war die Gesundschrumpfung des deutschen Territoriums auf den ökonomisch potenten Kern: Bundesrepublik. Das Wirtschaftswunder ist eine Leistung von Hitler, nicht von Erhard.
ZUKUNFT
Vielleicht gibt es irgendwann eine humane Gesellschaft - eine Gesellschaft also, in der man keine Kunst braucht.