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Inge Viett

Briefe aus dem Gefängnis

Wenn die herrschenden Schichten in Deutschland ihre Zeit für gekommen halten, ihre Interessen außerhalb Deutschlands wieder militärisch zu sichern, und die Zeit ist nicht mehr fern, dann habe sie mit ihren Medien das perfekte Instrumentarium, um die Masse zum Konsens zu bringen, Kritik auszuschalten oder zu neutralisieren, Widerstand zu denunzieren.(März 1991) Seite 38

Das Geld ist die Waffe, mit der alles unterworfen und erobert wird, wo seine Macht nicht hinreicht, beginnt die militärische Gewalt. In diesem Land hier gibt es nichts, was nicht käuflich ist auf die eine oder andere Weise. Alles hat seinen Preis. Das weiß jeder und jeder findet das normal. Regungen, Gedanken, Ideen, Ideale, Wünsche, Moral, Ethik, Träume, Visionen, ja Erfahrungen, Erlittenes, Verschenktes und Empfangenes, alles hat seinen Markt, ist Ware, wird verwertet. Alles treibt die Maschine der Freiheit bis zur Perversion vorwärts. Natürlich kann man dies alles viel werbefreundlicher sagen und z.B. von der Freiheit des Marktes reden, dieses Schlachtschiff der westlichen Demokratien. Millionen Hungerleichen und Hungerleidende pflastern seine Bahn rund um den Erdball. Oder auch von der freien Entfaltung der Individuen reden. Alle menschlichen Bedürfnisse, alle heimlichen und unheimlichen Begierden werdem dem Markt, dem Profit legal oder auch illegal zugänglich gemacht. Wie grausam gigantisch ist diese Freiheit! Die den Himmel aufreißt, die Meere einschwärzt, die Natur auffrisst. Und wie kreativ sie artfizielle Surrogate schafft und verkauft. (Oktober 1991) Seite 61f

Gegenüber dem bürgerlichen Verständnis und deren Interessen ist sowieso ALLES im Sozialismus Entwickelte und Errungene illegitim und störend, was soll alo die Erklärerei und Bettelei um Verständnis in diese Richtung...Niemand hatte für nichts wirklich die Verantwortung. "Die Partei" hatte sie halt. Selbst Honecker und alle Politbüromitglieder wälzen jetzt alles aufs Kollektiv. Die Partei als Überich von Millionen Menschen, die ihre subjektiven Potenzen von diesem Überich bestimmen und verzehren lassen. Die Partei, eine geheiligte Institution wie der Papst. Dabei ist "die Partei" nicht mal was Reales - wie z.B. der Papst -, real sind immer nur die Menschen, also jedes einzelne Mitglied, und das ist für alles Gute und alles Schlechte verantwortlich. Ein Apparat kann das nicht, er ist kein Subjekt. Die Partei kann nicht mehr sein als ein organisatorischer Apparat, mehr kann und soll sie nicht leisten. Aber die Kommunisten haben dieser Organisationshülle einen heiligen Geist eingeblasen, der sogleich über jedes Mitglied gekommen ist, das überhaupt das Wort "die Partei" nur in den Mund nahm. Ketzerisch, wer Funktionäre und deren Entscheidungen individuell verantwortlich machen wollte. (Oktober 1991) Seite 64f

Die Realität kennt keine ungebrochenen Ideale, sie besteht immer aus Widersprüchen. November 1991 Seite 66 Um einem "Lebenslänglich" zu entkommen, soll ich partizipieren an einem Geschäft, das von Verrat und Käuflichkeit lebt. Unterwirf dich, und sei mir nützlich..., das ist der Rhythmus kapitalistischer Beziehungen, kapitalistischer Funktionsweise. Mit und in meinem ganzen Leben hab ich mich gegen diesen Rhythmus gewehrt, jetzt soll ich ihm erliegen? (Dezember 1991) Seite 67

Wie hoffnungslos waren wir schon, wie zerschlagen in den Sklavenaufständen, den Bauernkriegen, wie haben wir uns gefühlt nach der Vernichtung der Pariser Commune, wie nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, wie dumpf, elendig und scheinbar unendlich war die Kolonisierung, wie geschunden und gedemütigt waren wir nach jedem unserer Aufstände, was für eine grausame Niederlage war die Machtergreifung des Faschismus, wie wenige haben damals noch Hoffnung gehabt? Unsere Geschichte ist doch immer nur die Geschichte von Niederlagen, von Demütigung, Blut und Vernichtung gewesen. Aber auf welcher Entwicklungsstufe wäre die Menschheit wohl ohne diese Geschichte?...Wir sind nicht die ersten und die letzten, die ihrer Werte und ihrer Identität beraubt werden sollen, aber wir sind auch nicht die ersten und letzten, denen es unmöglich ist, zu den Werten des Kapitals zu konvertieren. (Dezember 1991) Seite 68f

Hast Du schon mal bemerkt, wie sich die öffentliche Sprache in den letzten Jahren entwickelt hat? Eigentlich genau wie der Gesellschaftsgeist und seine ihm entsprechenden Strukturen. Sie ist immer voluminöser geworden, aufgeblasener, verschleierter, verwissenschaftlicht, instrumentenhafter. Absolut elitär. Sie will gar keine Beziehung mehr herstellen zwischen den Menschen, was ja ihr eigentlicher Sinn ist, sondern sie will nur noch kategorisieren. (März 1993) Seite 105

Die Top-Genossen der PDS halten die Entwicklungen der SPD und der Grünen für deren spezifische Fehler/Schwäche, nicht für das, was sie wirklich sind: ein objektiv folgerichtiger Prozeß, der sich aus dem Willen zur Machtpartizipation innerhalb des kapitalistischen Systems ergibt. Sie tun grad so, als würde bei ihnen alles anders laufen, weil sie ja aufrechte demokratische Sozialisten sind. Das ist Vernebelung der Realität und auch Verweigerung objektiver Analysen. Eine Partei kann ja zweierlei sein: politische Heimat, also Adresse, Bindung und Absorbtion gesellschaftlicher Aktivitäten und damit eine politisch/kulturelle Institution, die dem Individuum Sinn gibt. Sie kann auch ein Instrument der Veränderung des Gegebenen sein. Das ist aber ein anderes Bewusstsein. Vom PDS-Vorstand habe ich den Endruck, dass er die PDS zu einer Institution - einer fortschrittlichen natürlich - unter den anderen Institutionen machen will, dass er um diesen Platz kämpft. Ich weiß nicht, wie viel Fortschritt auf diesem Weg herauskommt, aber ziemlich sicher ist, dass dieses Bewusstsein von Kampf die Partei geradewegs in denselber Prozeß führe wird, wie ihn die SPD schon lange und die Grünen jetzt hinter sich haben. (September 1995) Seite 146