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Erich Mühsam

Austritt aus dem Kapitalismus

Von Erich Mühsam

Unsere Zwanzigjährigen sind senil. Hoffentlich werden die Nobel-Preisrichter bald auf sie aufmerksam.

Der einzige Einwand, den man heute noch unter gebildeten Personen gegen den Krieg gelten lässt, ist die Angst vor den Börsenkursen. Wer den Frieden predigt, weil der Krieg gemein, sinnlos, unmenschlich, jede Daseinswürde degradierend, verrohend und in jedem Betracht unsittlich ist, ist ein schwärmender Narr oder ein von allem nationalen Stolz verlassener Schweinehund.

Man schämt sich allmählich vor sich selbst, immer und immer wieder den moralischen Gemeinplatz aussprechen zu müssen, dass Krieg schlecht und hässlich, Friede gut, natürlich und notwendig ist. Aber wir wollen noch tausendmal die Gründe der anderen widerlegen, um vor der Nachwelt nicht in der lächerlichen Haltung solcher dazustehen, die vor Dummheit und Herzenskälte resignieren und kapitulieren.

Revolution entsteht aus der Unerträglichkeit von Einrichtunen, die in sich selbst keine Möglichkeit enthalten, sich zur Erträglichkeit zu wandeln...ihr Ziel, das ist die völlige Beseitigung ihrer eigenen Ursachen.

Revolution hat nichts mit Politik zu schaffen. Politik ist die Anwendung von bestehendem Recht mit vereinbarten Mitteln, Revolution die Schaffung von neuem Recht mit den Mitteln spontaner Eingebung oder für den besonderen Fall getroffener Verabredung. Politik ist stabil, Revolution muss labil bleiben, bis ihr geistiger Inhalt die Grundlage des gesellschaftlichen Rechts geworden ist. Das Mittel der Reaktion gegen die Revolution ist stets die Anwendung des erschütterten Rechts auf die keimenden Verhältnisse.

Das freiheitliche Schlagwort im Munde von Traditionshütern ist die größte Gefahr für die Revolution. Es ist das Mittel, die öffentliche Gewalt aus den Händen ihrer revolutionären Ursupatoren in die ihrer früheren Inhaber zurückzuschmeicheln.

Ich für meine Person habe, da ich nicht weiß, wie man aus der kapitalistischen Gesellschaft austreten kann, die Absicht, meine revolutionäre Leidenschaft der Zerschlagung der kapitalistischen Gesellschaft zu widmen und inzwischen meine Liebe zur Kunst und zum Theater so zu gebrauchen, wie ich glaube, dass ich dadurch revolutionären Geist fördern und künftiges Menschsein vorbereiten kann.

Eine Gegenwart, die die Vergangenheit nicht verdaut hat, ist für die Zukunft nicht zu gebrauchen.
Paris lebt - Berlin funktioniert.

(Erich Mühsam, Ausgewählte Werke, Band 2, Publizistik, Unpolitische Erinnerungen, Verlag Volk und Welt, Berlin, 1978)