Lektüre
Gelesen
Vor etlichen Jahren habe ich mir einmal ausgerechnet, dass auch ein kontinuierlicher Leser es kaum schafft, mehr als 3000 bis 4000 Bücher in seinem Leben zu lesen. Ein ernüchterndes Ergebnis für den Schreibenden, weil jedes Jahr allein in Deutschland ein Vielfaches davon an Neuerscheinungen auf den Markt geworfen wird. Ein deprimierendes Ergebnis aber auch angesichts einer Bibliothek, die dieses Maß an Lektüre längst übersteigt und die auf unerforschliche Weise weiter und weiter wächst. Lebenstüchtige Hasen haben den Wettlauf mit dem Igel deshalb längst eingestellt und sitzen gemütlich vor dem Fernseher. Der nimmt auch nicht so viel Platz weg und macht nicht jede Renovierung, jeden Umzug zur teuer bezahlten Qual.
Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, dass nicht nur immer neue - darunter vor sehr langer Zeit geschriebene -, sondern vor allem immer die richtigen Bücher zur rechten Zeit den Weg zu mir gefunden haben. Wann immer ich den Anker auswarf, fand ich in ihnen festeren Grund. Manches wirkte lange nach, manches las sich neu, wenn der eigene Blick sich gewandelt hatte. Ich weiß nicht genau, ob ich über das Leben wirklich mehr aus der Wirklichkeit erfahren habe oder aus meinen Büchern. Genauer gesagt: die Bücher sind ein so wesentlicher Teil meiner Wirklichkeit, dass ich manche suche und um andere einen Bogen mache - ähnlich wie bei mir sehr nah oder sehr fern stehenden Menschen.
Marx hatte gut Reden: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. In einer Welt, in der das Sein immer mehr vermitteltes Sein ist, aufgearbeitete und selektierte Wirklichkeit, gefiltert durch die Hervorbringungen der Medienmonopole, deren Herrschaft sich über Kino, Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften und Bücher erstreckt, deren Gesetz die Diktatur des Geldes ist, in solch einer Welt kann das “bestimmende” Sein sich bis zur Unkenntlichkeit verzerren, bis zur Unauffindbarkeit. Verschüttet unter der Überproduktion und -rezeption von Nichtigkeiten.
Was suche ich in Büchern? Mich. Auf Umwegen meist. Manchmal gibt der Spiegel Auskunft. Manchmal muss er zerschlagen werden, weil erst dahinter etwas beginnt, was die eigenen Füße zum eigenen Weg machen könnten.
Auf den folgenden Seiten geht es nicht um die sogenannte “schöne” Literatur. Es geht um Bücher und Bücherschreiber, manchmal auch um (Aus-)Gesprochenes. Um Provokationen. Um das Aufhetzen zum Denken. Meine Lieblingsbeschäftigung also.

