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Heimat ist...

Heimat ist......ein zugleich individueller und gemeinschaftlicher Wert. Weil er sich auf sehr persönliche Weise konstituiert und komplexe Lebenszusammenhänge, Bewußtes und Unbewußtes widerspiegelt, seine Berufung jeden betrifft und ans Innerste geht, gehört er zu jenen Topi, die von Ideologien vorzugsweise instrumentalisiert werden. Das gilt bereits für die Annäherung an den Begriff: Je enger er dem des Vaterlandes verknüpft ist und dieser wiederum einem bestimmten Herrschaftsprinzip, um so stärker läuft er Gefahr, als parareligiöse Phrase mißbraucht zu werden. Von einem Begriff der Freiheit und der Selbstfindung wird er dann zu einem Begriff der Unterwerfung. Das machte ihn spätestens nach der Zeit des Nationalsozialismus für viele obsolet. Die Scheu vor der - auch - metaphysischen Dimension des Wortes hebt diese aber nicht auf. Der Verzicht auf den Wertbegriff führt zu einem Vakuum, das erst recht auf metaphysische Art gefüllt wird (vom heimattümelnden Kitsch à la Musikantenstadl bis zum irrationalen Nationalismus à la Verklärung der deutschen Reichsgeschichte usw).
Bemerkenswert sind die Unterschiede im Umgang mit dem Heimat- und Vaterlandsbegriff im Westen und Osten Deutschlands. Da sich die DDR Zeit ihres Bestehens nicht anders als in Abgrenzung gegenüber dem Westen definierte - auch dort, wo sie das keineswegs zugab - diente der Heimatbegriff hier, ebenfalls verknüpft sowohl mit einer Herrschaftsform als auch mit einer Gesellschaftsutopie der Identitätsfindung und war durchaus nicht nur durch konservativen Geist besetzt. Wo der Heimatbegriff in diesem Kontext über die temporäre Zweistaatlichkeit hinausging, verfügte er durchaus über ein progressiv-subversives Potential - insofern nämlich, als ein solcherart formulierter Heimat-Anspruch über einen allgemeinen Konsumanspruch hinausreichen konnte, wenn der Blick sich gen Westen wandte.

Ein Irrtum...
... begünstigt das Auseinanderklaffen eines idealisierten Topos “Heimat” auf der einen und eines realitären Pragmatismus auf der anderen Seite. Er besteht darin, den Prinzipien der Verwertungsgesellschaft folgend das Maß des Wohlergehens aus dem Maß des Besitzes herzuleiten. Wer mehr hat, dem muß es demzufolge - egal wo - besser gehen; wer weniger hat, dem geht es schlechter. Zu welchen Mißverständnissen diese Betrachtungsweise führt, zeigt beispielsweise das verbreitete Unverständnis gegenüber Befindlichkeiten in den östlichen Bundesländern. Eben solch ein Mißverständnis entsteht, wenn angenommen wird, daß es dem Migranten in einem reicheren Land per se besser gehen müsse als in seiner Heimat. In beiden Fällen wird mit einer häufig verinnerlichten Lebenslüge operiert, hinter der sich nicht selten der Umstand verbirgt, daß Besitz zum Surrogat wird für anderswo wachsende Defizite, Verunsicherungen und Ängste, und daß gleichermaßen für Deutsche wie für Ausländer gelten kann.

Bei Milan Kundera,...
...einem tschechischen Schriftsteller, findet sich in dem Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins eine Passage, in der er sich mit Kitsch auseinandersetzt - ein Thema, das für den Umgang mit dem Begriff Heimat nicht unerheblich ist. Kundera schreibt:
“Der Streit zwischen denen, die behaupten, die Welt sei von Gott erschaffen, und denen, die denken, sie sei von selbst entstanden, beruht auf etwas, das unsere Vernunft und unsere Erfahrung übersteigt. Sehr viel realer ist der Unterschied zwischen denjenigen, die am Sein zweifeln, so wie es den Menschen gegeben wurde (wie und von wem auch immer), und denen, die vorbehaltlos mit ihm einverstanden sind. Hinter allen europäischen Glaubensrichtungen, den religiösen wie den politischen, steht das erste Kapitel der Genesis, aus dem hervorgeht, daß die Welt so erschaffen wurde, wie sie sein sollte, daß das Sein gut und es daher richtig sei, daß der Mensch sich mehre. Nennen wir diesen grundlegenden Glauben das kategorische Einverständnis mit dem Sein. Wurde noch vor kurzer Zeit das Wort Scheiße in Büchern durch Pünktchen ersetzt, so geschah das nicht aus moralischen Gründen. Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Scheiße sei unmoralisch! Die Mißbilligung der Scheiße ist metaphysischer Natur. Das Moment der Defäkation ist der tägliche Beweis für die Unannehmbarkeit der Schöpfung. Entweder oder: entweder ist die Scheiße annehmbar...oder aber wir sind als unannehmbare Wesen geschaffen worden. Daraus geht hervor, daß das ästhetische Ideal des kategorischen Einverständnisses mit dem Sein eine Welt ist, in der die Scheiße verneint wird und alle so tun, als existiere sie nicht. Dieses ästhetische Ideal heißt Kitsch. Es ist ein deutsches Wort, das mitten im sentimentalen neunzehnten Jahrhundert entstanden und in alle Sprachen eingegangen ist. Durch die häufige Verwendung ist die ursprüngliche Bedeutung verwischt worden: Kitsch ist die absolute Verneinung der Scheiße; im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: Kitsch schließt alles aus seinem Blickwinkel aus, was an der menschlichen Existenz unnannehmbar ist.”


Kunderas Kitsch-Definition als einer Ästhetik, die das Unannehmbare ausschließt, also auf Tabus beruht, auf einer die Wirklichkeit verfälschenden Harmonie-Vereinbarung, liefert einen Denkansatz, der beispielsweise Heimattümelei von Heimatverbundenheit trennen hilft. Das ist keineswegs unerheblich, hat doch der Kitsch als politische Kategorie schwerwiegende Konsequenzen. Wer Lebenswidersprüche, wer den Konflikt zwischen dem Annehmbaren und dem Unannehmbaren nicht erträgt oder zu ertragen gewillt ist, dem bleibt nichts anderes übrig als in seiner Unfähigkeit, den Widerspruch zu lösen oder wenigstens auszuhalten, dessen Träger auszugrenzen oder sogar zu eliminieren. (Im Zusammenhang mit dem Krieg in Jugoslawien war beispielsweise mehrfach zu hören, man sollte doch am besten “den ganzen Balkan ausradieren, der in diesem Jahrhundert nur Ärger gemacht” habe.) Diese Haltung führt also zu den Denk- und Handlungsmustern totalitärer Ideologien.
Kundera beschreibt im Folgenden die Eindrücke seiner Romanheldin bei den Maidemonstrationen in realsozialistischen Prag und wie sie zehn Jahre später durch Amerika reist. Sie begleitet einen Senator, dessen vier Kinder bei einem Halt aus dem Wagen springen und in einen Park laufen, während der Politiker selig lächelnd - gerade so wie ein beliebiger Staatsmann auf der Prager Tribüne - in die Runde weist und feststellt: Das nenne ich Glück. Und Kundera schreibt:
“Wie konnte dieser Senator wissen, daß Kinder Glück bedeuten? Sah er ihnen etwa in die Seele? Und wenn nun, kaum waren sie aus seinem Blickfeld verschwunden, drei von ihnen sich auf das vierte stürzten und es zusammenschlugen? Der Senator hatte nur ein einziges Argument für seine Behauptung: sein Gefühl. Wenn das Herz spricht, ziemt es sich nicht, daß der Verstand etwas dagegen einwendet. Im Reich des Kitsches herrscht die Diktatur des Herzens. Das durch den Kitsch hervorgerufene Gefühl muß allerdings so beschaffen sein, daß die Massen es teilen können. Deshalb kann der Kitsch nicht auf einer ungewöhnlichen Situation beruhen, sondern nur auf den Urbildern, die einem ins Gedächtnis geprägt sind: die undankbare Tochter, der verratene Vater, auf dem Rasen spielende Kinder, die verlassene Heimat, die Erinnerung an die erste Liebe. Der Kitsch ruft zwei nebeneinander fließende Tränen der Rührung hervor. Die erste Träne besagt: wie schön sind doch auf dem Rasen rennende Kinder! Die zweite Träne besagt: wie schön ist es doch, gemeinsam mit der ganzen Menschheit beim Anblick von auf dem Rasen spielenden Kindern gerührt zu sein! Erst diese zweite Träne macht den Kitsch zum Kitsch. Die Verbrüderung aller Menschen dieser Welt wird nur durch den Kitsch zu begründen sein.”
Paranthetisch ließe sich solcherart beispielsweise der DEFA-Film “Ernst Thälmann - Sohn und Führer seiner Klasse” mit Margarethe von Trottas “Rosa Luxemburg” vergleichen.
Heimatliebe bezieht das Unannehmbare, den ungelösten Konflikt mit ein, nimmt ihn als Bestanteil des Geliebten und also Eigenen an. Heimattümelei schließt das Unannehmbare aus oder diffamiert seine Träger (die nicht identisch mit seiner Ursache sein müssen).

Was ist Heimat?
Für die Frage können unterschiedliche Bezugsrahmen genutzt werden, die einander nicht ausschließen, sondern vielmehr ergänzen. Je nach Art der Reflexion kann er eher philosophisch breit oder sinnlich gegenständlich ausfallen. Gerade weil “Heimat” ein Jedermanns-Begriff ist, bedeutet die Unterschiedlichkeit der Annäherung auch nicht Diffusion, sondern Individualisierung. Wohin gehöre ich? An einen Ort, in eine Zeit, zu einem Volk (oder zu einer kleineren sozio-kulturellen Einheit)?
Bedeutsam für die eigene Positionsbestimmung ist auch der Zusammenhang zwischen dem Heimatbegriff und dem Rollenverständnis des Einzelnen als Subjekt oder Objekt seiner eigenen Geschichte. Dazu wäre der Frage nachzugehen, inwieweit Heimat etwas Vorgefundenes, Gegebenes ist (ein Ort des Hineingeborenseins mit pragmatischer Konsequenz der Anpassung oder auch ein von Gott /den Göttern gegebener oder von den Ahnen eroberter Lebensraum, auf den ein ewiger, u.U. sogar aggressiv einzulösender Anspruch besteht) und inwieweit Heimat etwas Geschaffenes ist (von der Familiengeschichte, der “eigenen Hände Arbeit” und dem persönlichen Sich-Vertrautmachen bis hin zum Akt der bewußt gewählten Zugehörigkeit geprägt und durch eigenes Mittun bestimmt).

Heimat macht den Menschen zum Souverän.
Das geschieht relativ unabhängig von ihrer individuellen Bestimmung, von der Art, wie dieser Begriff ausgefüllt wird. Heimat kann Quelle von Kraft und Mittel gegen Angst und Atomisierung sein. Wie jeder Brief einen Adressaten braucht, so gibt es ein Bedürfnis, die Erfahrung des Fremden in das Eigene zu transferieren. Ist das Eigene stark, offen und weit, kann es vieles aufnehmen - zum eigenen Nutzen. Ist es schwach, verschlossen und eng, bleibt alles andere draußen und kann gar nicht anders wahrgenommen werden, denn als Bedrohung. Heimat kann also terra incognita sein, die durch mich aufblühen wird, oder Luftschutzkeller, in dessen Pferch ich den feindlichen Ansturm überlebe.


Heimat ist eine Entscheidung.
Erst aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden heraus entstehen Begriffe wie Heimat. Deshalb bleibt Heimat auch bei einem integrativen Verständnis Scheidelinie, Mittel zur Abgrenzung, Ufer. Neben der Frage, was jemandem anderswo und anderswann fehlen würde, steht die Frage, was von dem, das sich existenziell mit dem Begriff Heimat verbindet, dem Fremden nicht oder nur sehr schwer vermittelbar wäre.
So schwer, wie Liebe zu erklären ist, läßt sich auch Heimat-Liebe erklären, denn auch sie ist nicht nur Sammelbecken von Erfahrungen, sondern auch Hort von Sehnsüchten, Utopien, Gestaltungsvisionen: eine Projektionsfläche also. Solche Flächen sind nötig. Aber um einen Spiegel benutzen zu können, muß man wissen, daß es ein Spiegel ist.

Die Angst...
...aus der Heimat verstoßen oder vertrieben zu werden, ist heute weniger verbreitet als die Sorge, Heimat in der Heimat zu verlieren ("Überfremdung", "Durchrassung" und ähnliche Kampfbegriffe stehen dafür). Dies umso mehr, als gerade die Elterngeneration in Teilen im vergangenen Jahrzehnt einen solchen Heimatverlust durchlebt hat und weiter durchlebt.
Wohlgemerkt: Die Rede ist hier nicht von einem gesellschaftspolitischen Paradigmen-wechsel, sondern von einer komplexen Lebensumgestaltung und Lebensumbewertung. Es ist deshalb unverzichtbar, sich über den befürchteten Heimatverlust zu verständigen, aber ebenso darüber, wie Menschen versuchen, “Heimat aus der Heimat mitzunehmen”, sie in der Fremde zu re-etablieren.
Das entschärft selbstredend nicht die daraus entstehenden Konflikte. Der Diskurs über die Bewahrung der eigenen Kultur (von der Asyl- oder ausstehenden Einwanderer-Gesetz-gebung über soziale Alltagszusammenhänge - Assimilationsdefizite, Sprachbarrieren - bis hin zu Formen des Kulturkolonialismus - “Amerikanisierung” von Lifestyle und Medien - gibt es dabei diverse thematische Felder) darf sich deshalb keinen Tabus unterwerfen.
Dazu gehört auch die Frage: Woraus resultiert eigentlich Kultur als ein Kernbegriff von Heimat, aber auch von Nation und Volk? Handelt es sich um etwas Seiendes, Autarkes, oder um etwas Werdendes, Offenes, um “work in progress”?

Im Builletin...
... des Zentrums für Demokratische Kultur schreibt Bernd Wagner:
“Die sogenannte Asyl-Problematik tauchte gleichsam als Kernstück der Bedrohung der sozialen Gegenwart und Zukunft von Millionen Menschen in Ost und West auf. Migration erschien schrittweise auf der Ebene eines gewaltsamen Konflikts, auf der Ebene von Pogromen, denen nur noch (Bürger-)Kriege nachgelagert sein können. So stark wirkte die Verunsicherung der Menschen, die sich an den Schwächsten, den Asylbewerbern und den Ausländern abreagierten. Es zeigte sich, daß angesichts des Zerbrechens aller Gesellschaftsverträge der Sozialität in der Bundesrepublik Deutschland ein neuer Gesellschaftsvertrag formuliert wurde: der Gesellschaftsvertrag gegen Ausländer in einer sich internationalisierenden Welt. Mit dieser Entwicklung stehen die Deutschen nicht allein. Weltweit existiert das Paradigma der Ambivalenz zwischen der ethnischen, oft auch rassistischen Fixation als Überlebens- und Zukunftsangebot und den interethnischen, globalen Visionen der Existenzsicherung und Zukunftsgestaltung.

Für die Zukunft der Deutschen wird von Bedeutung sein, auf welche Seite der Paradigmenwaage sie sich stellen. Den jetzigen Seiltanz werden sie auf Dauer nicht durchhalten können. Wird jedoch die ethnische Dominanz hergestellt, dann wird dies unweigerlich mit rechtsextremen Aushöhlungen der Demokratie und der Reduktion des Geistes und der Realität universaler Menschenrechte verbunden sein. Schon jetzt gibt es Ansatzpunkte dafür, daß das Menschenrecht des Deutschen ungleich höher bewertet wird als das anderer Menschen, daß der Rechtsstaat geteilt wird für Würdige und Unwürdige, Bessere und Schlechtere. Das Bild der Festung Deutschland machte seit 1990 die Runde durch die deutschen Wohnstuben; ziviler Ungehorsam und Gegenwehr angesichts der migranten Bedrohung erschien zunehmend als legitim, marschierte vom Rand in die soziale Mitte der Gesellschaft. Die Ereignisse in dem märkischen Dorf Dolgenbrodt (dort bezahlte eine Kommune per Sammlung das “Abfackeln” eines bezugsfertigen Asylbewerberheims) und die Worte von der “Überfremdung” aus Politikermund stehen in einer Reihe mit Hoyerswerda, Rostock und anderen Gewaltexzessen; ihre Massenakzeptanz sind schlimme und eindrucksvolle Beispiele. Immer stärker verfestigt sich die Meinung, daß es nicht mehr um allgemeine Menschenrechte unter dem Dach eines demokratischen Verfassungsstaates geht, sondern um die Funktionalisierung des Staates für die sozialen Interessen der Deutschen gegen alle anderen. Dem entsprach exakt die Forderung nach Verschärfung der Asylgesetzgebung, die mit den Ereignissen in Rostock, nach dem völkischen Schrei der Lichtenhäger und rechtsextremer Polittouristen, als Politverdikt objektiviert wurde. Gleichzeitig wurde die vermeintliche Gefahr für die deutsche Kultur durch die Ausländer lauter und lauter artikuliert.”

Henry-Martin Klemt, 1998/99
Dieser Essay entstand als Leitfaden für ein
Unterrichtsmaterial zum Thema "Heimat"
der
Regionalen Arbeitsstellen für Ausländerfragen, Jugend und Schule (RAA)
des Landes Brandenburg.

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